Bei OpenAI hat die verantwortliche Führungskraft für Hardware und operative Themen der Robotics-Division ihren Posten aufgegeben. Auslöser ist der umstrittene Deal des Unternehmens mit dem US-Verteidigungsministerium.
Hintergründe zum Pentagon-Vertrag
Caitlin Kalinowski verantwortete bei OpenAI seit November 2024 den Bereich Hardware sowie operative Themen innerhalb der Robotics-Division. Am Samstag gab sie auf X ihren Rücktritt bekannt und kritisierte, das Unternehmen sei bei einer sehr wichtigen Entscheidung zu schnell vorgegangen. Sie schrieb, KI spiele eine wichtige Rolle für die nationale Sicherheit, doch Überwachung von US-Bürger:innen ohne richterliche Kontrolle und tödliche Autonomie ohne menschliche Freigabe seien rote Linien, die mehr Abwägung verdient hätten.
In einem weiteren Beitrag präzisierte sie ihren Vorwurf und sprach vor allem von einem Problem in der Unternehmensführung. Solche Entscheidungen seien zu wichtig, um Verträge oder Ankündigungen zu überhastet zu treffen. Gleichzeitig betonte Kalinowski, ihr Schritt sei eine Frage des Prinzips, nicht gegen bestimmte Personen gerichtet, und sie habe großen Respekt vor Sam Altman und dem Team. Altman selbst hatte eingeräumt, dass der Pentagon-Deal „definitiv überhastet“ gewesen sei und die Bekanntgabe für erheblichen Gegenwind gesorgt habe.
Damit verbindet sich Altmans Eingeständnis nun mit einem konkreten Namen und Titel. Ausgerechnet die ranghöchste Person bei OpenAI, die KI in physische Systeme bringen sollte, hält den Prozess, mit dem die Technologie nun in Waffensysteme und Überwachungsstrukturen einziehen könnte, für unzureichend.
Vom Anthropic-Streit zum OpenAI-Vertrag
Die Entwicklung der vergangenen Woche begann damit, dass Anthropic auf die Schwarze Liste des Pentagon gesetzt wurde und endete damit, dass OpenAI den dortigen Auftrag übernahm. Anthropic war das einzige KI-Unternehmen, das nach einem Vertrag über 200 Millionen US-Dollar (rund 184 Millionen Euro) vom Juli 2025 für den Betrieb auf den geheimen Netzwerken des Verteidigungsministeriums zugelassen war. In zähen Verhandlungen wollte Anthropic durchsetzen, dass seine Modelle nicht für massenhafte Inlandsüberwachung oder vollständig autonome Waffen eingesetzt werden.
Das Pentagon unter Verteidigungsminister Pete Hegseth bestand jedoch auf einer Formulierung, die den Einsatz „für alle rechtmäßigen Zwecke“ erlauben sollte, ohne konkrete Ausnahmen. Nach dem Scheitern der Verhandlungen ordnete Präsident Trump am 28. Februar an, dass alle Bundesbehörden die Nutzung von Anthropics Technologie einstellen. Auf Truth Social bezeichnete er das Unternehmen als „radikal woke“.
Hegseth stufte Anthropic anschließend als Risiko für die nationale Sicherheit in der Lieferkette ein, eine Einstufung, die bisher ausländischen Gegnern vorbehalten war. Auf dieser Grundlage müssen Auftragnehmer:innen des Verteidigungsministeriums nun bestätigen, dass sie keine Modelle von Anthropic einsetzen. Kurz darauf meldete Altman auf X, dass OpenAI eine eigene Vereinbarung zur Nutzung seiner Modelle in den geheimen Pentagon-Netzwerken geschlossen habe.
OpenAI erklärt, der Vertrag enthalte dieselben Kerngarantien, die Anthropic angestrebt hatte: keine massenhafte Inlandsüberwachung und keine autonomen Waffensysteme. In einem Blogeintrag beschreibt das Unternehmen seine Vorgehensweise und argumentiert, die Architektur mit reiner Cloud-Bereitstellung, ein beibehaltenes Sicherheits-Framework und vertragliche Regelungen auf Basis bestehender US-Gesetze machten die Vereinbarung robuster als frühere geheime KI-Einsätze, auch im Vergleich zu Anthropics Lösung.
Folgen für OpenAI und den Markt
Vor OpenAI hatte Kalinowski eine breit angelegte Karriere hinter sich. Sie arbeitete fast sechs Jahre bei Apple als technische Leiterin der Programme für Mac Pro und MacBook Air, darunter auch das ursprüngliche Unibody-MacBook Pro. Danach wechselte sie in Metas Oculus-Bereich und verantwortete dort mehr als neun Jahre lang Hardware für virtuelle Realität. Ihre letzte Rolle bei Meta war die Leitung von Projekt Nazare, später Orion, einer Datenbrillen-Initiative, deren Prototyp im September 2024 vorgestellt und als besonders fortschrittliche AR-Brille beschrieben wurde.
OpenAI bestätigte am Samstag ihren Rücktritt und erklärte, die Vereinbarung mit dem Pentagon schaffe einen praktikablen Weg für verantwortungsvolle sicherheitspolitische KI-Nutzung, bei klaren roten Linien: keine Inlandsüberwachung und keine autonomen Waffen. Man wisse, dass es zu diesen Fragen starke Meinungen gebe, und wolle weiter den Dialog mit Mitarbeitenden, Regierungen, der Zivilgesellschaft und Gemeinschaften weltweit suchen.
Die Folgen des Pentagon-Deals beschränken sich jedoch nicht auf interne Diskussionen. Nach der Ankündigung sollen Deinstallationen von ChatGPT um 295 Prozent gestiegen sein, während Claude von Anthropic in den USA auf Platz eins der App-Store-Charts kletterte und ChatGPT verdrängte. Am Samstag lagen beide Apps weiterhin auf den Plätzen eins und zwei. Mit dem Rücktritt Kalinowskis wird deutlich, dass die Kosten des Deals für OpenAI noch nicht absehbar sind – personell, beim Vertrauen und bei der Frage, wer bei den geforderten Schutzmechanismen richtig lag.
Korrektur: In einer ersten Version dieses Artikels haben wir behauptet: Caitlin Kalinowski leitete bei OpenAI seit November 2024 den Bereich Robotik und Verbraucher-Hardware. Dies ist nicht korrekt. Sie war verantwortlich für Hardware sowie operative Themen innerhalb der Robotics-Division. Wir haben den Text und Titel entsprechend angepasst. Die Robotics-Division wird von Aditya Ramesh geführt, während die Consumer-Hardware-Division bei Peter Welinder liegt.
