Die US-Regierung geht massiv gegen die KI-Firma Anthropic vor. Gleichzeitig kommt das Modell Claude offenbar bereits in militärischen Operationen gegen Iran zum Einsatz.
Pentagon erklärt Anthropic offiziell zum Lieferkettenrisiko
Das US-Verteidigungsministerium hat die Führung von Anthropic offiziell darüber informiert, dass das Unternehmen und seine Produkte mit sofortiger Wirkung als Lieferkettenrisiko gelten. Eine hochrangige Ministeriumsquelle erklärte, es gehe grundsätzlich darum, dass das Militär Technologie für alle rechtmäßigen Zwecke einsetzen könne. Man werde keinen Anbieter dulden, der durch Beschränkungen der rechtmäßigen Nutzung einer kritischen Fähigkeit in die Befehlskette eingreife und damit Soldat:innen gefährde.
Anthropic ist das erste amerikanische Unternehmen, das öffentlich als solches Risiko benannt wird. Bisher richtete sich diese Einstufung vor allem gegen ausländische Gegner. Die Kennzeichnung verpflichtet Rüstungsfirmen und Auftragnehmer:innen des Verteidigungsministeriums künftig zu zertifizieren, dass sie Anthropic-Modelle in Pentagon-Projekten nicht verwenden. Damit eskaliert ein bereits länger schwelender Konflikt zwischen Anthropic und dem Verteidigungsministerium über die Einsatzregeln für das KI-Modell Claude.
Verteidigungsminister Pete Hegseth hatte zuvor auf X angekündigt, Anthropic als „Lieferkettenrisiko für die nationale Sicherheit“ zu deklarieren, was allein jedoch noch keine formelle Einstufung bedeutete. Präsident Donald Trump wies Bundesbehörden zudem an, die Nutzung von Anthropic-Technologie unverzüglich einzustellen. Anthropic kündigte in einer Stellungnahme an, jede solche Einstufung gerichtlich anzufechten.
Trump rühmt sich, Anthropic „wie Hunde gefeuert“ zu haben
Trump nahm für sich in einem Interview mit Politico in Anspruch, selbst entschieden gegen Anthropic vorgegangen zu sein. Wörtlich sagte er, er habe Anthropic „wie Hunde gefeuert“, weil das Unternehmen „das nicht hätte tun sollen“. Die Formulierung reiht sich in eine Serie ähnlicher Aussagen Trumps über verschiedene Personen und Ereignisse ein.
Hintergrund des Konflikts sind Forderungen des Verteidigungsministeriums, bestimmte Schutzmechanismen von Claude zu entfernen. Diese sogenannten Leitplanken untersagen derzeit unter anderem den Einsatz für massenhafte Überwachung im Inland und vollständig autonome Waffensysteme. Laut Berichten sorgte insbesondere dieser Widerstand bei Verteidigungsminister Hegseth für Unmut, der daraufhin öffentlich von einem Lieferkettenrisiko sprach.
Gleichzeitig berichteten mehrere Medien, darunter Bloomberg und Financial Times, dass Anthropic-Chef Dario Amodei derzeit mit dem Pentagon verhandelt. Gesprächspartner ist demnach Emil Michael, Unterstaatssekretär für Forschung und Entwicklung im Verteidigungsministerium. Dieser hatte Amodei zuvor auf X als „Lügner“ mit „Gottkomplex“ bezeichnet. Ob eine Einigung möglich ist, bleibt offen.
Claude in Palantirs Maven-System und mutmaßliche Ziele in Iran
Die Einstufung als Lieferkettenrisiko hat auch Auswirkungen auf andere Tech-Unternehmen. Die Aktie von Palantir verlor am Donnerstag 2 %. Das Software- und Dienstleistungsunternehmen erzielt rund 60 % seines US-Umsatzes mit Regierungsaufträgen und arbeitet seit Ende 2024 in Militär- und Verteidigungsprojekten mit Anthropic zusammen. Analyst:innen von Piper Sandler schrieben, Anthropic sei „stark in Militär und Geheimdienstcommunity eingebettet“, ein Ausstieg könne kurzfristig zu Störungen im Palantir-Betrieb führen.
Laut Berichten des Wall Street Journal und der Washington Post ist Claude in Palantirs Maven Smart System integriert, das das US-Militär beim Bombenkrieg gegen Iran unterstützt. Demnach schlug Maven, betrieben mit Claude, im Rahmen von Planungen möglicher Angriffe Hunderte Ziele vor, lieferte präzise Koordinaten und priorisierte diese nach Bedeutung. Die Kombination aus Maven und Claude beschleunige demnach die Kampagne erheblich, verkürze Planungsprozesse von Wochen auf Echtzeit und bewerte Angriffe auch nach deren Beginn.
Unklar ist, ob die USA oder Israel für einen Angriff auf eine Schule im iranischen Minab verantwortlich sind, bei dem 168 Menschen, überwiegend Kinder, starben. Minab liegt im Süden Irans, einem Gebiet, das laut Berichten vor allem von den USA bombardiert wird, weshalb spekuliert wird, ob Claude bei der Zielauswahl beteiligt war. Die Schule stand auf dem Gelände eines früheren Stützpunkts der Revolutionsgarden, der vor etwa 15 Jahren geschlossen wurde. Beobachter:innen diskutieren, ob das Militär möglicherweise auf veraltete Daten vertraute und ob KI bei der Zielerfassung eine Rolle spielte.
Via: www.cnbc.com · gizmodo.com
