Weil ich ohnehin gerade mit Shure im Austausch stand, wollte ich wissen, was der Hersteller aktuell bei Kopfhörern im Programm hat. Die Antwort ist nicht ganz taufrisch: Den AONIC 50 Gen 2 hat Shure bereits im September 2023 auf der IFA vorgestellt. Er ist aber nach wie vor der aktuellste Bluetooth-Kopfhörer mit Noise Cancelling im Sortiment.
Den ersten AONIC 50 hatte ich damals ebenfalls ausprobiert, und mein Eindruck ließ sich in einem Satz zusammenfassen: gut, aber unspektakulär. Zwei Wochen lang musste die zweite Generation am iPhone und im Büro am Mac zeigen, ob sich daran etwas geändert hat.
Zweiter Anlauf: Was sich gegenüber Gen 1 ändert
Auf dem Papier hat Shure an den richtigen Stellen nachgebessert. Das Noise Cancelling arbeitet laut Hersteller jetzt hybrid, also mit Mikrofonen innerhalb und außerhalb der Ohrmuscheln, und soll damit wirksamer sein als beim Vorgänger. Der Akku hält mehr als doppelt so lange, und Spatial Audio ist komplett neu. Mit aptX Adaptive kommt außerdem ein weiterer moderner Codec hinzu. Auch bei der App hat sich einiges getan: Beim ersten Modell kritisierten Tests noch die eingeschränkten Anpassungsmöglichkeiten, die zweite Generation bekommt einen vollwertigen parametrischen Equalizer. An der Grundidee ändert das nichts. Shure setzt weiterhin vor allem auf Klang und Verarbeitung, das möglichst lange Feature-Datenblatt überlässt der Hersteller anderen. Genau das merkt man im Alltag.
Schwarz in Schwarz: Design und Verarbeitung
Optisch hat Shure den Kopfhörer ruhiger gemacht. Die silbernen Akzente des Vorgängers sind verschwunden, der Gen 2 kommt komplett in Schwarz, auch der Bügel an den Ohrmuscheln ist jetzt aus schwarzem Kunststoff. Geblieben sind die dicken Polster aus Kunstleder an Ohrmuscheln und Kopfband, die den Kopfhörer angenehm weich aufliegen lassen. Die Muscheln lassen sich flach drehen, und das überarbeitete Etui fällt laut Shure kompakter aus als beim Vorgänger.
Mit 334 Gramm ist der AONIC 50 Gen 2 kein Leichtgewicht, manche Tests kritisieren das Gewicht bei längeren Sessions. Mich hat es im Alltag nicht gestört. Zum Vergleich lohnt ein Blick auf Apples Over-Ear: Die AirPods Max 2 bringen 386 Gramm auf die Waage, also rund 50 Gramm mehr. Bedient wird der Shure über physische Tasten, eine Touch-Fläche gibt es nicht. Das ist Geschmackssache, dafür lösen sich keine versehentlichen Eingaben aus, wenn ihr den Kopfhörer zurechtrückt.
Kabel oder Funk: Die Anschlüsse
Bei den Anschlüssen zeigt Shure, woher die Firma kommt. Drahtlos unterstützt der Kopfhörer neben AAC auch aptX, aptX HD, aptX Adaptive und LDAC, dazu kommt Multipoint für zwei Geräte gleichzeitig. Am iPhone bringt euch das allerdings wenig, denn Apple setzt bei Bluetooth ausschließlich auf AAC. Spannender ist deshalb der USB-C-Anschluss, über den ihr auch per Kabel hören könnt. Laut Datenblatt sind kabelgebunden bis zu 32 Bit und 384 Kilohertz möglich, zusätzlich gibt es eine 3,5-Millimeter-Klinke.
Ich habe den AONIC 50 Gen 2 per USB-C sowohl am iPhone als auch am Mac genutzt. Das funktioniert ohne Umwege und klingt gut. Für uns Apple-Nutzer:innen ist das der interessanteste Weg, weil ihr Bluetooth und damit die AAC-Kompression komplett umgeht. Wer sich für das Thema Hi-Res über Kabel interessiert, kennt das Konzept bereits von Apples Beats Studio Pro, die ebenfalls Lossless Audio über USB-C bieten.
Deutlich zugelegt hat der Akku. Shure gibt bis zu 45 Stunden Laufzeit an, mehr als doppelt so viel wie beim Vorgänger. Nach 15 Minuten am Ladekabel reicht es laut Hersteller wieder für fünf Stunden.
Studio im Ohr: Klang und App
Beim Klang spielt der AONIC 50 Gen 2 seine Herkunft aus. Er klingt detailreich und aufgeräumt, der Bass ist kräftig und sauber, ohne in die Mitten zu schwappen. Instrumente lassen sich gut voneinander trennen, gerade bei ruhigeren Aufnahmen macht das Spaß. Ab Werk wirken die Höhen stellenweise etwas zu präsent, doch dafür gibt es die App.
In ShurePlus PLAY steckt ein parametrischer Equalizer, der deutlich mehr kann als die üblichen Bass-und-Höhen-Regler anderer Hersteller. Wer sich einmal die Zeit nimmt, formt den Klang damit sehr präzise nach dem eigenen Geschmack. Dazu kommen einstellbares Noise Cancelling und ein Umgebungsmodus, über den ihr Stimmen und Durchsagen durchlasst.
Neu in der zweiten Generation ist Spatial Audio in drei Modi: Musik, Kino und Podcast. Shure nutzt dafür eine eigene Verarbeitung, es gibt weder Dolby Atmos noch Head-Tracking wie bei Apples 3D-Audio. Der Effekt soll das Hören über hochwertige Lautsprecher nachbilden und gibt vor allem Filmen und Podcasts mehr Raum. Ob ihr ihn auch bei Musik nutzt, ist Geschmackssache.
Wo es hakt: Kritikpunkte
Der größte Schwachpunkt bleibt das Noise Cancelling. Es dämpft Umgebungsgeräusche spürbar, an Sony oder Apple kommt der AONIC 50 Gen 2 aber nicht heran. Das Brummen eines Zugs oder das Gemurmel im Großraumbüro bleibt hörbar, wenn auch leiser. Wer den Kopfhörer vor allem für Flüge oder lange Bahnfahrten sucht, sollte das wissen.
Auch für Telefonate ist der Shure keine Empfehlung. Das Mikrofon macht seinen Job, mehr aber nicht, und für Calls im Büro greife ich lieber zu anderen Lösungen. Hier sieht man dem Kopfhörer sein Alter am deutlichsten an.
Dazu kommen einige kleinere Punkte. Eine Trageerkennung, die die Musik beim Absetzen automatisch pausiert, fehlt komplett. Der Equalizer greift außerdem nur über Bluetooth, per USB-C-Kabel hört ihr also die Werksabstimmung. Bleibt der Preis: Shure führt den Kopfhörer inzwischen mit einer UVP von 419 Euro, zum Start waren es noch 399 Euro. Im Handel ist er allerdings deutlich günstiger zu haben.
Fazit: Für Zuhörer:innen gebaut
Der AONIC 50 Gen 2 ist wie sein Vorgänger ein guter Kopfhörer, der sich nicht in den Vordergrund drängt. Der Klang ist hervorragend, und Anschlussvielfalt samt parametrischem EQ findet ihr in dieser Preisklasse selten. Dazu hält der Akku gefühlt ewig. Beim Noise Cancelling und beim Mikrofon liegt er dagegen hinter der Konkurrenz zurück. Shure baut hier keinen Alleskönner für den Pendelverkehr, sondern einen Kopfhörer für Menschen, die vor allem Musik hören wollen.
Im Handel bekommt ihr den AONIC 50 Gen 2 derzeit ab rund 330 Euro, bei großen Händlern kostet er 349 Euro. Damit liegt er klar unter den AirPods Max 2 mit ihrer UVP von 579 Euro und in etwa auf dem Niveau der Sony WH-1000XM6, die ab rund 370 Euro zu haben sind.
Hier findet ihr den Shure AONIC 50 Gen 2 auf Amazon.
Unspektakulär ist er auch in der zweiten Generation, und das meine ich diesmal fast als Kompliment – er macht einfach, was ein guter Kopfhörer machen soll.
Transparenz: Das Testmuster wurde uns von Shure für diesen Test leihweise für zwei Wochen zur Verfügung gestellt. Der Artikel enthält Affiliate-Links.
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