Diia die App der Ukraine zeigt, wie Digitalisierung der Verwaltung funktioniert. Und was Deutschland von der Ukraine lernen kann!
Wenn wir in Deutschland über Digitalisierung sprechen, dann reden wir oft über die Zukunft. Wir reden über Breitbandausbau, der „irgendwann“ kommen soll, über die elektronische Patientenakte, die „bald“ funktioniert, oder über das Onlinezugangsgesetz, das Fristen reißt, wie andere Leute Kalenderblätter abreißen. Während wir hierzulande noch diskutieren, ob ein Faxgerät nun DSGVO-konform ist oder nicht, hat ein Land in unserer unmittelbaren Nachbarschaft längst Fakten geschaffen. Und das nicht erst, seitdem die Weltöffentlichkeit durch den schrecklichen Angriffskrieg Russlands dorthin blickt.
Die Rede ist von der Ukraine und ihrer Super-App Diia. Das heißt ukrainisch „Handlung“ oder „Tat“.
Wer glaubt, die Ukraine sei erst durch die Not des Krieges digital geworden, irrt gewaltig. Was wir dort sehen, ist keine improvisierte Notlösung, sondern das Ergebnis einer Vision, die Präsident Wolodymyr Selenskyj bereits 2019 formulierte: Der „Staat im Smartphone“. Und während wir in Deutschland oft neidisch ins Silicon Valley blicken, sollten wir unseren Blick vielleicht etwas weiter nach Osten richten. Denn was Diia leistet, ist genau das, woran die deutsche Verwaltung seit Jahrzehnten scheitert: Eine radikale Zentrierung auf den Bürger, exzellente UX und das Verständnis, dass Digitalisierung mehr ist als das Einscannen von Papierformularen.
Es ist Zeit für eine Bestandsaufnahme, die wehtut, aber notwendig ist. Was macht Diia anders? Warum funktioniert die deutsche App für Geflüchtete im Vergleich so schlecht? Und warum müssen wir aufhören, Ausreden zu suchen?
„State in a Smartphone“: Eine Vision, die lange vor dem Krieg begann
Um Diia zu verstehen, muss man zurück ins Jahr 2019 blicken. Das Ministerium für digitale Transformation wurde gegründet, mit einem klaren Ziel: 100 Prozent aller öffentlichen Dienstleistungen sollten online verfügbar sein. Als die App 2020 an den Start ging, war das für ukrainische Bürger bereits eine kleine Revolution. Heute nutzen über 19 Millionen Menschen die Plattform – das ist fast die Hälfte der Bevölkerung.
Das Konzept unterscheidet sich fundamental vom deutschen Ansatz. In Deutschland haben wir einen Flickenteppich. Wer sein Auto ummelden will, braucht eine Webseite, wer seine Steuer macht, braucht ELSTER, wer Bafög beantragt, wieder etwas anderes. Diia hingegen ist ein One-Stop-Shop. Es ist eine einzige App, die als digitale Brieftasche und Verwaltungsportal zugleich dient.
Schon vor dem Februar 2022 konnten Ukrainer über Diia ihren Reisepass, Führerschein und Fahrzeugschein digital vorzeigen – und zwar rechtsgültig. Die Ukraine war das erste Land der Welt, das digitale Reisepässe dem physischen Pass rechtlich komplett gleichgestellt hat. Man stelle sich das kurz vor: Keine Angst mehr, den Ausweis zu vergessen, weil er sicher im Smartphone liegt. Für uns Apple-Nutzer klingt das wie der Traum von der vollumfänglichen Apple Wallet-Integration, die in Deutschland nur im Schneckentempo vorankommt.
Aber es geht über das bloße Vorzeigen von Dokumenten hinaus. Über Diia kann man ein Unternehmen gründen – in unter 15 Minuten. Man kann Steuern zahlen, den Wohnsitz ändern oder Geburtsurkunden anfordern. Die Philosophie dahinter ist entscheidend: Der Staat dient dem Bürger, nicht umgekehrt. Die Interaktion mit der Behörde soll so einfach sein wie eine Bestellung bei Amazon. Dass die Ukraine diesen digitalen Vorsprung vor dem Krieg erarbeitet hat, ist der entscheidende Punkt. Die robuste digitale Infrastruktur war kein Zufallsprodukt der Verteidigung, sondern das Fundament, auf dem die Resilienz des Staates im Krieg erst aufbauen konnte.
Kriegsresilienz durch Code: Wie Diia zur digitalen Waffe wurde
Als die russischen Panzer rollten, zeigte sich die wahre Stärke der modularen Architektur von Diia. Innerhalb kürzester Zeit passten die ukrainischen Entwickler die App an die neue Realität an. Wo wir in Deutschland Monate brauchen, um einen „Energiepreispauschale“-Antragsprozess aufzusetzen, integrierte das ukrainische Ministerium für digitale Transformation über Nacht Kriegs-Features.
Plötzlich konnten Bürger über die App Schäden an ihren Häusern melden, um Entschädigungen zu beantragen. Es wurde eine Funktion namens „e-Enemy“ integriert, über die Truppenbewegungen des Gegners gemeldet werden konnten – ein Crowdsourcing der Landesverteidigung. Fernsehen und Radio wurden direkt in die App gestreamt, um die Bevölkerung auch dann mit Informationen zu versorgen, wenn Sendemasten zerstört wurden. Sogar der Kauf von Kriegsanleihen wurde direkt in der App ermöglicht, um die Armee finanziell zu unterstützen.
Das Handelsblatt und der Behörden Spiegel berichten übereinstimmend, wie diese Agilität den Staat handlungsfähig hielt. Während physische Aktenordner in zerbombten Amtsstuben verbrannten, lagen die Daten der Ukrainer sicher in der Cloud (oftmals auf Servern im Ausland gesichert, dank schneller Gesetzesänderungen). Ein Staat, der seine Daten nicht an einen physischen Ort bindet, ist schwerer auszulöschen.
Besonders beeindruckend ist hierbei die Funktion der eVorog (e-Feind) und die schnelle Auszahlung von Hilfsgeldern an Binnenvertriebene. Die App erkennt automatisch, wer in einem umkämpften Gebiet gemeldet ist, und ermöglichte die Beantragung von Soforthilfen mit wenigen Klicks. Kein Papier, kein Schalterbesuch, keine Wartemarke. Das Geld landete direkt auf der „eSupport“-Karte im Smartphone. Hier zeigt sich: Gute Software rettet im Zweifel keine Leben vor Bomben, aber sie sichert das Überleben der zivilen Ordnung und die Versorgung der Menschen in absoluten Krisenzeiten.
Der peinliche Vergleich: Diia vs. „Germany4Ukraine“
Kommen wir nun zu dem Teil, der uns als deutsche „Tech-Nation“ -ein Label, das wir uns gerne selbst geben- schmerzen muss. Als Millionen Ukrainer in die EU und nach Deutschland flüchteten, trafen zwei Welten aufeinander. Auf der einen Seite Menschen, die es gewohnt waren, ihre Behördengänge per App in der U-Bahn zu erledigen. Auf der anderen Seite die deutsche Ausländerbehörde: Wartenummern, Papierformulare, persönliches Erscheinen um 04:00 Uhr morgens.
Der Versuch Deutschlands, hier digital zu reagieren, wirkte im Vergleich zu Diia fast schon hilflos. Die App „Germany4Ukraine“ -und diverse lokale Lösungen- war gut gemeint, aber in der Umsetzung mangelhaft. Während Diia eine native, tief integrierte App ist, wirken deutsche Lösungen oft wie Web-Wrapper – also Webseiten, die notdürftig in eine App verpackt wurden.
Die Kritikpunkte sind deutlich:
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Mangelnde Integration: Die deutsche „Hilfe-App“ war primär eine Informationssammlung. Sie ermöglichte selten direkte Rechtsgeschäfte oder Anträge. Dafür musste man dann doch wieder aufs Amt.
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UX-Desaster: Ukrainische Nutzer berichteten von Verwirrung. Sie erwarteten Diia-Standards – also einen Button „Ich brauche Hilfe“, der einen Prozess auslöst. Stattdessen bekamen sie PDFs zum Ausdrucken.
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Föderaler Flickenteppich: In Berlin funktionierte die Online-Anmeldung anders als in München oder Hamburg. Für jemanden, der aus einem zentralisierten digitalen Ökosystem kommt, ist das unverständlich.
Besonders bitter: Die Ukraine bot an, ihre Technologie zu teilen. Das System ist modular. Wir hätten lernen können. Stattdessen haben wir versucht, analoge Prozesse halbherzig zu digitalisieren. Der Unterschied liegt in der Denkweise. Die ukrainischen Entwickler fragen: „Welches Problem hat der Nutzer und wie lösen wir es mit einem Klick?“. Die deutsche Verwaltung fragt: „Wie bilden wir das Formular A38 digital ab, unter Einhaltung der Schriftformerfordernis?“.
Was wir lernen müssen: Mut zur Lücke und „Digital First“
Es ist leicht, über die deutsche Bürokratie zu schimpfen. Aber die Erfolgsgeschichte von Diia zeigt uns konstruktive Wege auf. Die Ukraine setzt auf Open Source und moderne Standards. Mit Projekten wie „u-Residency“ gehen sie sogar noch weiter und bieten Ausländern an, digital ukrainische Unternehmer zu werden, ohne je das Land zu betreten – ein Konzept, das dem erfolgreichen estnischen Modell ähnelt, aber durch die Diia-Integration noch zugänglicher wirkt.
Was können wir also konkret lernen?
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Mut zur Cloud: Die Ukraine hat gezeigt, dass Datensicherheit nicht bedeutet, dass der Server im Keller des Rathauses stehen muss.
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User Experience (UX) ist kein Luxus: Eine Behörden-App muss so einfach zu bedienen sein wie Instagram. Wenn man ein Handbuch braucht, um den Antrag zu verstehen, ist das Design gescheitert.
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Iterative Entwicklung: Diia ist nie „fertig“. Es kommen ständig neue Features hinzu, basierend auf Feedback. Deutsche Projekte werden oft jahrelang geplant und sind bei Release schon veraltet.
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Ökosystem statt Insellösung: Wir brauchen eine „Super-App“ für den Bund. Die BundID ist ein Anfang, aber noch meilenweit von der Funktionalität von Diia entfernt.
Das Fazit ist ernüchternd und hoffnungsvoll zugleich. Die Ukraine beweist unter den denkbar schlechtesten Bedingungen – einem brutalen Angriffskrieg –, dass ein digitaler Staat möglich ist. Sie waren uns schon vor dem Krieg voraus, und sie bauen diesen Vorsprung jetzt weiter aus. Wir sollten aufhören, die Ukraine nur als Hilfsempfänger zu sehen. Im Bereich GovTech, also Government Technology, sind sie ein Technologieführer, von dem wir uns dringend eine Scheibe abschneiden sollten.
Vielleicht sollten wir mal ein paar Entwickler-Austauschprogramme starten. Nicht, damit wir ihnen zeigen, wie man Autos baut, sondern damit sie uns zeigen, wie man einen Staat baut, der wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist.
Bild Gemini KI
