Große KI-Unternehmen haben sich in den vergangenen 18 Monaten heimlich auf einen gemeinsamen technischen Ansatz geeinigt. Im Zentrum steht ein Protokoll namens Model Context Protocol, kurz MCP, das KI-Agenten standardisiert mit dem Internet verbindet.
MCP: Standard für KI-Agenten
MCP dient als einheitliche Schnittstelle, über die KI-Modelle auf externe Werkzeuge, Datenquellen und Arbeitsabläufe zugreifen können. Das Protokoll legt fest, welche Dienste ein Modell ansprechen darf und wie diese Verbindungen ablaufen. Wenn Sie Claude etwa in Slack nutzen, regelt MCP die Verbindung, leitet Sie zur Anmeldung weiter und informiert Claude, welche Funktionen Slack freigibt.
Aus Sicht der Benutzer:innen entsteht so ein reibungsloses Zusammenspiel, das Anthropic-Produktchef Mike Krieger als Ping-Pong der Intelligenz beschreibt. Claude erkennt, dass ein Slack-MCP-Server verknüpft ist, findet ein Werkzeug zum Versenden von Nachrichten, nutzt es und erhält von Slack eine Erfolgsbestätigung, die wiederum an Sie zurückgemeldet wird.
Wer an klassische Programmierschnittstellen denkt, liegt nicht ganz falsch: Webanwendungen haben schon lange APIs geöffnet, was Web 2.0 und den App-Store-Boom befeuerte. Für KI-Agenten reichen diese Strukturen aber nicht aus, sie benötigen spezialisierte Schnittstellen. MCP versteht sich hier als neuer Standard, die offizielle Projektseite zieht den Vergleich zu USB‑C.
Vom internen Projekt zum Branchenprotokoll
Entwickelt wurde MCP von den Anthropic-Ingenieuren David Soria Parra und Justin Spahr-Summers. Ursprünglich wollten sie lediglich erreichen, dass Anthropic-Mitarbeitende Claude stärker in der täglichen Arbeit verwenden können. Es fehlte aus ihrer Sicht die Möglichkeit, den Chatbot mit der Außenwelt und den relevanten Diensten zu verbinden. Arbeitstitel des Projekts war „Claude Connect“.
Auf einem Hackathon im Oktober 2024 nutzten nahezu alle Teams das neue Protokoll für ihre Projekte, was intern als Wendepunkt galt. Danach erhielt das Duo grünes Licht, MCP als Open-Source-Projekt auszuarbeiten. Die Veröffentlichung kurz vor Thanksgiving 2024 war bewusst so terminiert, dass Interessierte in der Feiertagspause Zeit zum Ausprobieren hatten.
Die Verbreitung folgte rasch: Microsoft kündigte am 19. März Unterstützung für MCP in Copilot Studio an. Eine Woche später erklärte OpenAI-Chef Sam Altman, man werde MCP in die eigenen Produkte integrieren. Kurz darauf fragte Google-Chef Sundar Pichai öffentlich, ob das Unternehmen MCP übernehmen solle. In San Francisco war MCP sogar auf Plakatwänden präsent, und frühe iOS‑Betas deuten auf mögliche Unterstützung durch Apple hin.
OpenAI nutzt MCP inzwischen für die ChatGPT-Apps von Diensten wie Booking.com, Canva, Coursera, Expedia, Figma, Spotify und Zillow sowie für Integrationen mit Notion und HubSpot. Anthropic verbindet Claude etwa mit Slack, Asana, Box, Square, Stripe und weiteren Services. Die Weiterentwicklung erfolgt gemeinsam: Kernbeteiligte aus Unternehmen wie Google, Microsoft und OpenAI diskutieren auf Discord und GitHub sowie in regelmäßigen Treffen.
Spenden an die Linux Foundation und offene Zukunft
Bisher war MCP zwar quelloffen, aber klar mit Anthropic verknüpft. Andere Firmen liefen Gefahr, durch eigene Beiträge das geistige Eigentum eines direkten Wettbewerbers zu stärken. Zudem hätte Anthropic das Protokoll theoretisch später wieder schließen können. Mit der jetzt verkündeten Übergabe an die Linux Foundation sollen diese Bedenken ausgeräumt werden.
Anthropic gründet gemeinsam mit OpenAI, Google, Microsoft, AWS, Block, Bloomberg und Cloudflare außerdem den Fonds „Agentic AI Foundation“ (AAIF), der „offene agentische KI“ fördern soll. Block steuert den Open-Source-Agenten Goose bei, OpenAI das Projekt Agents.md, das Codebasen für Agenten beschreibt. Für Block-Managerin Jackie Brosamer geht es dabei um mehr als MCP: Protokolle seien entscheidend, um Systeme einheitlich miteinander kommunizieren zu lassen.
Linux-Foundation-Chef Jim Zemlin spricht von außergewöhnlich hohem Interesse, viele Organisationen fragten von sich aus eine Beteiligung an. Branchenbeobachter wie Josh Blyskal erwarten, dass MCP vor allem im Handel zum Standard wird und das bisherige Scraping von Websites alt aussehen lässt.
Kritisch bleibt, dass jede Standardentscheidung eine Wette auf die Zukunft ist. Frühere Beispiele wie HTML5 versus native Apps oder HTTP gegenüber Alternativen wie Gopher zeigen, wie solche Weichenstellungen Märkte prägen können. Selbst Anthropic-Entwickler Soria Parra betont, niemand könne sicher sagen, wie die KI-Landschaft in fünf Jahren aussieht. MCP solle jedoch zumindest die Basis für offenere Standards schaffen.
Für Endnutzer:innen soll MCP idealerweise unsichtbar bleiben: Die Modelle erledigen Aufgaben schneller und zuverlässiger, ohne dass Sie den Namen des Protokolls kennen müssen. Zugleich könnte die Offenheit helfen, Sicherheitsprobleme agentischer KI, etwa Prompt-Injection, besser anzugehen. Andere Unternehmen mit starker Sicherheitskompetenz können nun direkt am Protokoll mitarbeiten, insbesondere in Bereichen wie Authentifizierung und geschützter Kommunikation. Zemlin sieht genau darin den Moment, in dem ein Markt entsteht: wenn viele Akteure gemeinsam einen offenen, sicheren und verlässlichen Standard formen.
Bilder Gemini KI
