AirPods den ganzen Tag im Ohr zu haben, ist für viele völlig normal. Die 60-60-Regel soll helfen, dabei das Gehör langfristig zu schützen.
Warum es eine 60-60-Regel für AirPods gibt
Viele von Euch tragen AirPods oder andere Kopfhörer über Stunden: Podcasts beim Frühstück, Musik auf dem Weg zur Arbeit, Videokonferenzen und mehr. Die Nutzungszeit summiert sich schnell, während Ihr oft nur merkt, wie lange Ihr hört, wenn die Kopfhörer wieder an das Ladecase müssen. Deutlich schwerer fällt es dagegen, schleichende Hörschäden zu bemerken.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass mehr als eine Milliarde junger Menschen durch laute Freizeitbeschallung einem Risiko für dauerhafte Hörschäden ausgesetzt ist. Das Nationale Institut für Taubheit und andere Kommunikationsstörungen (NIDCD) in den USA geht davon aus, dass bereits bis zu 17 Prozent der Teenager Anzeichen von lärmbedingter Schwerhörigkeit zeigen. Hörverlust durch Kopfhörernutzung ist damit ein reales Problem der öffentlichen Gesundheit.
Genau hier setzt die 60-60-Regel an. Sie soll verhindern, dass eine ganze Generation im Erwachsenenalter auf viele Fragen nur noch mit „Wie bitte?“ reagieren kann.
Was die 60-60-Regel konkret bedeutet
Die 60-60-Regel stammt aus der Audiologie und wird unter anderem von WHO, Mayo-Klinik und der Hearing Health Foundation unterstützt. Sie besteht aus zwei einfachen Vorgaben:
60 Prozent Lautstärke: Stellt die Lautstärke Eures Geräts auf höchstens 60 Prozent der maximalen Ausgabe.
60 Minuten am Stück: Hört nicht länger als 60 Minuten ohne Pause, bevor Ihr Euren Ohren eine Auszeit gönnt.
Diese Regel ist nicht willkürlich, sondern basiert auf jahrzehntelanger Lärmforschung. Das Nationale Institut für Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz (NIOSH) hat festgelegt, dass dauerhafte Belastung mit 85 Dezibel (dB) oder mehr das Risiko für Hörverlust deutlich erhöht. Bei rund 60 Prozent Lautstärke liefern die meisten Geräte und In-Ear-Kopfhörer etwa 75 bis 85 dB.
Bei 85 dB gelten ungefähr acht Stunden als noch sicher. NIOSH nutzt die sogenannte „3-dB-Tauschrate“: Steigt der Pegel um 3 dB, halbiert sich die sichere Hörzeit. Bei 91 dB bleiben also nur noch etwa zwei Stunden. Bei 100 dB, das häufig etwa 80 bis 85 Prozent der Lautstärke vieler Geräte entspricht, sinkt die empfohlene Expositionszeit schon auf rund 15 Minuten. AirPods und ähnliche Ohrhörer können bei maximaler Lautstärke 105 bis 110 dB erreichen. Laut WHO können bei diesen Pegeln bereits nach wenigen Minuten bleibende Schäden entstehen.
Im Innenohr sitzen Tausende feiner Haarzellen, die Schallwellen in elektrische Signale für das Gehirn umwandeln. Anhaltender Lärm lässt diese Zellen ermüden und kann sie dauerhaft zerstören, wenn die Belastung lange genug anhält. Anders als viele andere Zellen im Körper regenerieren sich die Haarzellen in der Hörschnecke nicht. Audiolog:innen empfehlen daher meist eine Pause von 15 bis 20 Minuten nach jeder Stunde Hören.
So setzt Ihr die 60-60-Regel mit AirPods um
Die Regel zu kennen, ist das eine, sie im Alltag umzusetzen, das andere. Ein erster Schritt ist ein Lautstärkelimit auf dem iPhone. Ihr findet es unter „Einstellungen > Töne & Haptik > Kopfhörersicherheit“. Dort könnt Ihr eine Obergrenze für die maximale Lautstärke festlegen. Ignoriert außerdem nicht die Warnhinweise, die Apple-Geräte anzeigen, wenn Ihr über einen längeren Zeitraum zu laut hört.
Hilfreich sind auch lärmunterdrückende Over-Ear-Kopfhörer. Sie reduzieren Umgebungsgeräusche, verringern so den Druck, in lauter Umgebung lauter zu drehen, und signalisieren gleichzeitig nach außen, dass Ihr nicht gestört werden möchtet.
Nach Angaben der WHO zählen zu den wichtigsten Warnzeichen für Hörverlust ein dauerhaftes Klingeln im Ohr (Tinnitus), Schwierigkeiten beim Hören hoher Töne wie Wecker oder Türklingeln, Probleme beim Verstehen von Sprache sowie beim Folgen von Gesprächen in lauter Umgebung. Wenn Ihr die Lautstärke nach und nach immer weiter erhöhen müsst, um Inhalte gut zu verstehen, ist das ebenfalls ein Hinweis auf beginnenden Hörverlust.
Beim Kopfhörertyp gibt es unterschiedliche Aspekte zu beachten. Ohrhörer leiten den Schall direkt in den Gehörgang und können Ohrenschmalz tiefer hineinschieben, was zu Verstopfungen und weiterem Aufdrehen der Lautstärke führen kann. Over-Ear-Modelle, besonders mit aktiver Geräuschunterdrückung, ermöglichen in lauten Umgebungen meist niedrigere Lautstärkeeinstellungen. Die Hearing Health Foundation empfiehlt, wann immer möglich, Over-Ear-Varianten. Die AirPods Max kombinieren Bügelkopfhörer mit aktiver Geräuschunterdrückung und erfüllen damit beide Kriterien.
Wer bereits unter Hörverlust leidet, kann bei AirPods Pro 2 und 3 auf eine von der US-Arzneimittelbehörde genehmigte Hörhilfe-Funktion zurückgreifen. Nach einem kurzen Hörtest von etwa fünf Minuten auf dem iPhone in einem ruhigen Raum entsteht ein individuelles Audiogramm. Die AirPods passen die Wiedergabe dann automatisch an die Frequenzen an, die Ihr schlechter hört, und verstärken Telefonate, Musik, Videos und auch Gespräche in der Umgebung.
Die 60-60-Regel versteht sich weniger als strenges Gesetz, sondern als einfache Hilfe für bessere Hörgewohnheiten, bevor dauerhafte Schäden auftreten. AirPods und andere Ohrhörer sind praktisch, erleichtern aber auch, zu überhören, wie stark wir unsere Ohren täglich belasten. Wenn Ihr auf die Lautstärke achtet, regelmäßige Pausen einlegt und frühe Warnsignale ernst nehmt, könnt Ihr viel für Euer Gehör tun. Ein verpasstes Lied ist weniger schlimm als ein Gespräch, das Ihr dauerhaft nur noch halb versteht.
