Wenn Ihr heute an Apple denkt, fallen Euch wahrscheinlich iPhone, Mac oder vielleicht noch der iPod ein. Doch ohne den Apple II hätte Apple seine ersten zehn Jahre kaum überstanden.
Vom Bastelrechner zum fertigen Produkt
In den 1970er-Jahren tauchten die ersten Personal Computer auf, meist als Bausätze für Hobbyist:innen. Man kaufte eine Platine, dazu Chips, Schalter und Tasten und setzte alles selbst zusammen. Auch Apples erster Rechner, der Apple I von Steve Wozniak, wurde so verkauft und verlangte nach zusätzlicher Anzeigeeinheit und Tastatur.
1976 schlug der Besitzer des Computerladens Byte Shop Steve Jobs vor, fertige Rechner zu verkaufen, statt nur Platinen. Apple experimentierte kurz mit Holzgehäusen, doch Jobs erkannte schnell das Potenzial eines komplett vormontierten Geräts mit eingebauter Tastatur. Also suchte er nach einer Kunststoffhülle, die den nächsten Rechner für ein breiteres Publikum tauglich machen konnte.
1977 erschien der Apple II, ein beigefarbenes Kunststoffgehäuse mit integrierter Tastatur, das Ihr an einen Monitor oder Fernseher anschließt, der bequem oben auf dem Rechner stehen konnte. Der Computer kostete 1.298 US‑Dollar (rund 7.000 US‑Dollar, heute) – der Monitor kam extra. Im Vergleich zu den damaligen Bastellösungen wirkte der Apple II wie ein richtiges Konsumprodukt.
Technisch war der Apple II einfach gestrickt: Er erzeugte einfache Farbgrafik und wurde über Eingaben per Tastatur bedient. Tippfehler quittierte er mit Pieptönen und Meldungen wie „?SYNTAX ERROR“. Programme konntet Ihr direkt eingeben oder über ein Kassettenlaufwerk laden, das ein auf Band gespeichertes, digitales Pfeifen in ausführbaren Code verwandelte.
Diskettenlaufwerk, Software-Boom und VisiCalc
Der Apple II verkaufte sich anfangs ordentlich, doch Programme von Kassette zu laden war langsam und unzuverlässig. Jobs fand deshalb einen Hersteller für 5,25‑Zoll‑Diskettenlaufwerke. Apple kaufte die Laufwerke halb vormontiert zu einem Rabatt, und Wozniak entwickelte eine eigene, günstige und elegante Steuerplatine, die das Originaldesign übertraf und gleichzeitig Kosten sparte.
Ab Juni 1978 bot Apple damit das günstigste Diskettenlaufwerk der Branche an. Wichtiger noch: Programme ließen sich nun viel leichter schreiben, speichern, kaufen und verkaufen. Das Apple‑II‑Softwareangebot explodierte, die Rechnerverkäufe zogen nach. Apples Umsatz wuchs 1979 um 640 Prozent und 1980 um weitere 230 Prozent.
Wozniak, heute als „der andere Steve“ bekannt und viel befragt zu Apple-Themen, bewies mit dem Apple II seine Ingenieurskunst. Der Rechner war direkt nach dem Einschalten nutzbar und konnte BASIC-Programme ohne weitere Vorbereitung ausführen, während viele andere Computer erst Kommandos zum Start erforderten.
Für Familien war ein Apple II keine einfache Anschaffung, zumal das Diskettenlaufwerk weitere 600 US‑Dollar kostete. Doch viele Eltern fürchteten, ihre Kinder würden ohne Computerkenntnisse im Nachteil sein. Zusammen mit einem aggressiven Schulprogramm entstand so für Millionen Kinder ein Experimentierfeld. Der Apple II war ein Spielzeug, das Spaß machte, auch wenn man nichts über Computer wusste.
Viele fingen mit einem simplen BASIC-Programm an, das den eigenen Namen endlos auf den Bildschirm druckte. Dann folgten Spiele: Dank Grafik und Ton liefen Titel wie „The Oregon Trail“, „Castle Wolfenstein“, „Lode Runner“, „Karateka“ und die „Ultima“-Rollenspiele deutlich komplexer als in der Spielhalle.
1979 kam dann der große Durchbruch für den Einsatz im Büro: Zwei Entwickler aus Neuengland schrieben die Tabellenkalkulation VisiCalc, die Großmutter von Microsoft Excel. Sie beschleunigte die Arbeit von Buchhalter:innen enorm. VisiCalc erschien zunächst ausschließlich für den Apple II, der leistungsstärker als viele Konkurrenten war. Die Folge: Die Verkäufe des Apple II verzehnfachten sich.
Endlose Ablöseversuche – und ein langlebiger Klassiker
Trotz des Erfolgs versuchte Apple in den 1980er‑Jahren immer wieder, den Apple II zu ersetzen. Während der Markt vor der IBM‑PC‑Ära aus vielen inkompatiblen Systemen bestand, verfolgte Apple von Anfang an den Ansatz, Hard- und Software aus einer Hand zu liefern. Andere Hersteller verschwanden oder schlossen sich Microsoft an, Apple blieb eigenständig.
1979 brachte Apple zwar den verbesserten Apple II Plus, investierte aber parallel in den Nachfolger Apple III. Das Gerät zielte mit 4.000 bis 7.500 US‑Dollar (umgerechnet 15.800 bis 29.700 US‑Dollar in 2026) auf Geschäftskund:innen, war teuer, fehleranfällig und inkompatibel – und floppte.
Apple reagierte mit dem Apple IIe von 1983, einer rundum verbesserten Version mit Groß- und Kleinschreibung sowie der neuen „Apple“-Taste, der Vorläuferin der heutigen Befehlstaste. Trotzdem arbeitete Apple bereits an einer neuen Generation mit grafischer Benutzeroberfläche und Maus. Der Business-Rechner Lisa startete 1983 für 10.000 US‑Dollar (rund 32.800 US‑Dollar heute), war ebenfalls teuer und fehleranfällig und verschwand schnell wieder.
Macintosh
Erst der Macintosh von 1984 setzte die grafische Oberfläche erfolgreich um. Oft heißt es, damit sei die Ära des Apple II abrupt beendet worden. In der Praxis blieb der Apple II jedoch stark: Kurz nach dem ersten Mac erschien der kompakte Apple IIc für Schreibtische mit wenig Platz und für Schulen. Während die Mac-Verkäufe zunächst hinter den Erwartungen zurückblieben, verkaufte sich die Apple‑II‑Reihe 1984 und 1985 weiterhin sehr gut.
Mitte der 1980er‑Jahre, nach dem Abgang von Steve Jobs und mit ansprechenderen Mac-Designs, stiegen die Mac-Verkäufe endlich an. 1986 legte Apple mit dem Apple IIgs noch einmal nach, einer Mischung aus Apple‑II‑Kompatibilität und Mac‑Merkmalen wie Mausunterstützung und grafischem Finder zur Dateiverwaltung. Der Apple IIgs blieb bis 1992 im Programm, der IIe sogar bis 1993 – während Bands wie Nirvana bereits die Charts bestimmten.
Der Mac wurde in den 1990er‑Jahren zwar zur wichtigsten Einnahmequelle, doch Apple konnte den Mac nur deshalb konsequent weiterentwickeln, weil der Apple II im Hintergrund verlässlich Geld einbrachte. Trotz technisch überlegener Alternativen wie Lisa, erstem Mac und Apple III punktete der Apple II mit Einfachheit und vergleichsweise moderatem Preis. Viele Kund:innen wollten genau dieses vertraute System weiter kaufen. Für eine Generation gehörte der Apple II damit zum Inbegriff des Personal Computers.
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