Der Large Hadron Collider übernimmt eine neue Aufgabe: Das CERN setzt die Abwärme aus seinem 27 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger nun zum Heizen tausender Wohnungen ein. Eine neue Verbindung macht es möglich, die in Frankreich gelegene Gemeinde Ferney-Voltaire mit Wärme zu versorgen und dadurch den CO2-Ausstoß in der Region deutlich zu verringern.
Neue Wärmenutzung im Large Hadron Collider
Der Large Hadron Collider ist vor allem für wissenschaftliche Entdeckungen wie den Nachweis des Higgs-Bosons im Jahr 2012 bekannt. Seit Mitte Januar nutzt das CERN die beim Betrieb des Beschleunigers entstehende Abwärme auf neue Weise. Über ein neu installiertes Wärmetauschersystem gelangt diese Energie direkt ins Nahwärmenetz von Ferney-Voltaire. Die Wärme stammt aus der Kühlung des LHC, die rund um den gesamten Ring betrieben wird. An insgesamt acht Oberflächenpunkten, von denen einer besonders nah an Ferney-Voltaire liegt, fällt besonders viel überschüssige Energie an.
Das Wasser, das den LHC kühlt, wird durch zwei Wärmetauscher mit jeweils 5 Megawatt Leistung geführt. Die neue Technik verbindet die CERN-Anlage mit dem Nahwärmesystem der Gemeinde. Theoretisch ist es sogar möglich, die eingespeiste Wärmeleistung bei Vollbetrieb des LHC zu verdoppeln, ohne das Hauptziel der Forschung zu beeinträchtigen.
Nachhaltiger Beitrag zur Reduzierung von Emissionen
Normalerweise ginge die im LHC entstehende Abwärme ungenutzt verloren. Jetzt ersetzt sie aktive Heizsysteme wie Gas- oder Elektroheizungen und verhindert so, dass jährlich mehrere tausend Tonnen CO2 ausgestoßen werden. Das CERN sieht diese Maßnahme als Teil einer umfassenden Strategie, Forschung verantwortungsvoller und nachhaltiger zu gestalten.
Allerdings steht schon fest, dass die Bewohner:innen von Ferney-Voltaire nicht durchgehend von dieser nachhaltigen Wärme profitieren können: Ab Mitte 2026 plant das CERN eine mehrjährige Modernisierungsphase seines Beschleunigers („Long Shutdown 3“). Während dieser Zeit sinkt die in das lokale Wärmenetz eingespeiste Energie auf 1 bis 5 Megawatt. In bestimmten Monaten wird die Anlage sogar komplett außer Betrieb sein.
Pioniervorhaben auch im internationalen Vergleich
Das aktuelle Projekt am CERN ist zwar eines der größten seiner Art, aber nicht einmalig. Seit 2013 wird etwa in der englischen Stadt Redditch die Abwärme eines Krematoriums zum Heizen eines Schwimmbads verwendet. In London liefert das „Bunhill 2 Energy Centre“ seit 2020 überschüssige Energie aus der U-Bahn an über tausend Haushalte. Unternehmen wie Microsoft planen außerdem, Datenzentren so zu betreiben, dass die entstehende Wärme für lokale Nahwärmesysteme nutzbar wird. Auch am CERN gibt es bereits Pläne, die Abwärme des eigenen Rechenzentrums Prévessin ab Ende 2026 für die Heizung der Gebäuden am Standort einzusetzen.
Angesichts des steigenden Energiebedarfs von Forschungseinrichtungen und Rechenzentren könnten solche Lösungen künftig zum Standard werden. Der Large Hadron Collider zeigt, wie sich moderne Wissenschaft und nachhaltiges Handeln direkt vor Ort verbinden lassen.
Via: https://www.tomshardware.com
Titelbild: CERN
