Apple überdenkt seine Gesundheitsstrategie – und ausgerechnet Dienste-Chef Eddy Cue spielt dabei eine entscheidende Rolle. Das könnte ein Signal für einen notwendigen Kurswechsel sein.
Gesundheitsdienst gestoppt, Strategie neu gedacht
Bloombergs Mark Gurman berichtete Anfang des Monats, dass Apple seine Pläne für einen neuen Dienst namens „Health+“ zurückgefahren und die gesamte Gesundheits- und Fitnessstrategie erneut auf den Prüfstand gestellt hat. Angesichts der anhaltenden Kritik, Apple habe die vor fast zwei Jahren angekündigten KI-Funktionen noch immer nicht geliefert, ließe sich das als weiteres Problem deuten. Doch die Entwicklung kann auch als positives Zeichen gelesen werden: Offenbar erkennen Führungskräfte bei Apple, dass der kompromisslose Fokus auf Diensteumsätze einen zu hohen Preis haben könnte.
Im Zentrum steht dabei eine eher unerwartete Figur: Eddy Cue, Apples Chef für Dienste. Mit dem Weggang des früheren Apple-COO Jeff Williams Ende vergangenen Jahres übernahm Cue zusätzlich die Verantwortung für den Gesundheitsbereich. Obwohl er schon sehr lange bei Apple arbeitet, war er in dieser Sparte neu – und genau das scheint einen Unterschied gemacht zu haben. Eine frische Führungskraft bringt keine Altlasten mit und kann Entscheidungen leichter infrage stellen.
Cue fand ein Team vor, das intensiv an „Health+“ arbeitete, einem KI-gestützten Coaching-Dienst auf Basis von Apple-Health-Daten. Doch selbst als Verantwortlicher für das wachsende Dienstegeschäft hielt er das Angebot offenbar nicht für stark genug, um es zu starten. Gleichzeitig gibt es im App Store bereits mehrere Apps, die Apple-Health-Daten auswerten und mit KI anreichern. Was früher wie ein Zusatz wirkte, ist heute eher Grundausstattung für Apples eigene Gesundheits-App. Laut Gurman hat Cue deshalb gefordert, viele der geplanten Health+-Funktionen direkt in die Health-App zu integrieren.
Basisfunktionen statt Abo-Zwang
Die Frage liegt nahe: Ist es falsch, wenn Apple Apps wie Athlytic im App Store betrachtet und daraus schließt, dass die eigenen Grundfunktionen unzureichend sind? Oft wird hier der Vorwurf des „Sherlocking“ erhoben, also dass Apple Funktionen von Dritt-Apps übernimmt. Doch es gibt einen Mindestumfang an Funktionen, den Apple mit jedem Gerät bereitstellen sollte. Die Markenversprechen des Unternehmens lauten, hochwertige Produkte anzubieten, meist teurer als die Konkurrenz, dafür mit besserer Qualität. Dazu gehört eine solide Grundausstattung, die Kund:innen ohne Zusatzabos nutzen können.
Im Gesundheits- und Fitnessbereich droht derzeit der Eindruck zu entstehen, dass ein iPhone und eine Apple Watch nur mit zusätzlichen Abos – von Apple oder Drittanbietern – wirklich sinnvoll sind. Statt immer mehr Funktionen hinter eine Bezahlschranke zu packen, müsste Apple die Gesundheits-App deutlich stärken. Dienste von Apple und Drittentwickler:innen sollten die Basisfunktionen ergänzen, nicht ersetzen. Sie richten sich an spezielle oder besonders anspruchsvolle Zielgruppen, während Apple in erster Linie die breite Masse adressiert.
Aktuell wirkt Apple Health jedoch nicht führend, sondern eher wie ein leeres Gefäß: viele Daten, wenig Einordnung. Auch wenn Gesundheitsinformationen komplex und weltweit stark reguliert sind, muss Apple die gesammelten Daten verständlich und nutzbar machen – ohne monatliche Zusatzgebühren.
Führungswechsel als Chance für Apple
Parallel dazu steht Apple vor einem größeren Umbruch im Führungsteam. Einige Manager:innen, darunter Jeff Williams, sind bereits gegangen, und Tim Cook wird voraussichtlich nicht mehr viele Jahre an der Spitze bleiben. Viele leitende Personen sind seit Jahrzehnten im Unternehmen, haben finanziell ausgesorgt und dürften sich in absehbarer Zeit zurückziehen. Das birgt das Risiko eines Wissensverlusts, ist aber zugleich eine große Chance: Jede neue Aufgabe, selbst für etablierte Führungskräfte wie Eddy Cue, eröffnet die Möglichkeit, Strategien zu überdenken und alte Entscheidungen neu zu bewerten.
Wenn eine neue Führungskraft startet, setzt sie zwangsläufig eigene Schwerpunkte, um nicht nur als Verwalter:in der Vergangenheit zu gelten. So können Entscheidungen und Richtlinien – auch sehr alte – hinterfragt werden. Oft sind Strukturen festgefahren, weil „es schon immer so war“ und sich niemand zuständig fühlt, etwas zu ändern. Neue Verantwortliche tragen diese Last nicht und können eher eingreifen.
Cues Eingreifen beim geplanten Health+-Dienst zeigt, dass selbst ein potenziell umsatzstarkes Abo gestoppt werden kann, wenn es nicht dem Anspruch des Unternehmens genügt. Wenn ähnliche Veränderungen in weiteren Bereichen stattfinden, könnte das Apple helfen, seine Produkte wieder stärker aus sich heraus überzeugend zu machen. Das Unternehmen hat von jahrelanger Stabilität im Management profitiert – nun könnte es ebenso von einem kontrollierten Wandel profitieren.
Via: https://www.macworld.com
Titelbild: Apple
