Immer mehr Titel auf Streamingdiensten entstehen mithilfe künstlicher Intelligenz. Während einige Produzent:innen die Technik als Werkzeug nutzen, fürchten viele Musikschaffende um ihre Einnahmen und ihre berufliche Zukunft.
Der DJ Kai Noir produziert Deep-Tech-House und erreicht auf Spotify mehrere Tausend monatliche Hörer:innen. Doch hinter dem Namen steckt kein Mensch, sondern ein KI-Avatar. Er wurde vom Musikproduzenten und Unternehmer Daniel Troha geschaffen, der nach eigenen Angaben Deutschlands erstes Label für KI-Musik gegründet hat.
Für seine Produktionen nutzt Troha vor allem die KI-Software Suno. Ein kurzer Texteingabebefehl reicht, damit das Programm innerhalb weniger Minuten einen neuen Titel erzeugt. Professionelle Produzent:innen bearbeiten solche Stücke anschließend weiter, ergänzen etwa Gesangspassagen oder Instrumente. Troha beschreibt die KI als Unterstützung im Studio, die ihm viel Zeit und Arbeit erspare.
Auch Künstler:innen, die menschlich wirken, können vollständig künstlich sein. Die Neo-Soul-Sängerin Sienna Rose kam auf Spotify zeitweise auf mehr als vier Millionen monatliche Hörer:innen und war in sozialen Netzwerken präsent. Recherchen des Bayerischen Rundfunks deuten jedoch darauf hin, dass hinter dem Namen ein KI-Projekt steht. Auch die Band The Velvet Sundown besteht demnach aus KI.
Das Unternehmen Suno meldete Anfang 2026 zwei Millionen zahlende Abonnent:innen. KI-Musik ist inzwischen auf zahlreichen Streamingdiensten zu finden. Damit gerät ein Geschäftsmodell unter Druck, das lange auf echten Musiker:innen, Auftritten und dem Verkauf beziehungsweise Streaming ihrer Werke beruhte.
KI-Systeme wie Suno wurden mit Millionen Musikstücken trainiert. Dazu gehören auch bekannte deutsche Titel wie „Atemlos durch die Nacht“, „Forever Young“ und „Daddy Cool“. Die Werke von Musikschaffenden bilden damit einen wichtigen Teil der Grundlage, auf der neue KI-Musik entsteht.
Die GEMA wirft Suno vor, urheberrechtlich geschützte Songs ohne Erlaubnis und Vergütung genutzt zu haben. Ende Juli 2026 gab das Landgericht München I der Verwertungsgesellschaft in einem Verfahren teilweise recht: Suno darf sechs Werke aus dem GEMA-Repertoire nicht ohne Lizenz vervielfältigen oder zum Training seiner KI verwenden. Außerdem muss das Unternehmen Auskunft geben und Schadenersatz zahlen. Dessen Höhe ist noch nicht festgelegt.
Suno hatte eingeräumt, die Werke zum Training genutzt zu haben, aber eine Vergütungspflicht bestritten. Das Unternehmen erklärte, es sei mit dem Urteil nicht einverstanden und prüfe eine Berufung. Die GEMA hofft, dass solche Entscheidungen künftig dazu führen, dass KI-Plattformen Musikschaffende an ihren Einnahmen beteiligen.
Eine von der GEMA und ihrer französischen Schwestergesellschaft SACEM beauftragte Studie schätzt, dass bis 2028 rund 27 Prozent der Einnahmen von Musikschaffenden in Deutschland und Frankreich durch generative KI gefährdet sein könnten. Über fünf Jahre gerechnet beziffert sie den möglichen Schaden auf etwa 2,7 Milliarden Euro. Sieben von zehn befragten Musikschaffenden sehen laut Studie ihre wirtschaftliche Grundlage bedroht.
Wie viel Geld Rechteinhaber:innen erhalten, hängt auch davon ab, wie oft ihre Musik gestreamt wird. Spotify verweist auf Maßnahmen gegen gefälschte Songs. Nutzer:innen müssten KI-Musik bewusst auswählen; außerdem kennzeichne der Dienst Profile, die KI-Künstler:innen darstellen.
Deezer setzt eine eigene Software ein, um KI-Titel zu erkennen. Der Dienst markiert sie und nimmt sie standardmäßig aus algorithmischen Empfehlungen heraus. Wer KI-Musik hören möchte, kann das weiterhin tun, sagt Deezer-Chef Alexis Lanternier. Die Entscheidung solle bewusst erfolgen.
Der Anteil KI-generierter Titel wächst schnell: Bei Deezer waren im Januar 2025 rund zehn Prozent der täglichen Uploads KI-Songs, etwa 10.000 Stück. Im November desselben Jahres lag der Anteil bei 34 Prozent und rund 50.000 Titeln. Im Juni 2026 kamen täglich durchschnittlich 90.000 KI-Songs hinzu – mehr als die Hälfte aller neuen Uploads.
Ob KI-Musik und eine faire Vergütung zusammenpassen, bleibt offen. Ebenso stellt sich die Frage, wie Streamingdienste Hörer:innen verständlich zeigen, wer hinter den Titeln steht.
Via: https://www.tagesschau.de
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