Der Leiter von Instagram, Adam Mosseri, zieht zum Jahresende eine kritische Bilanz zur Rolle von Fotos und Videos in Zeiten künstlicher Intelligenz. Er beschreibt, wie „unendlich synthetische Inhalte“ unseren Blick auf Realität und Authentizität verändern.
Vom Foto als Beweis zur ständigen Skepsis
Mosseri schreibt, dass er den Großteil seines Lebens Fotos und Videos als weitgehend zutreffende Momentaufnahmen ansehen konnte. Diese Annahme sei heute nicht mehr haltbar und die Anpassung daran werde Jahre dauern. Nach seiner Einschätzung bewegen wir uns von der Haltung, gesehenen Inhalten automatisch zu glauben, hin zu einer grundsätzlichen Skepsis. Entscheidend werde, wer etwas teilt und mit welcher Absicht. Das sei unbequem, weil Menschen dazu neigen, ihren Augen zu vertrauen.
Er greift damit Gedanken auf, die The-Verges-Autorin Sarah Jeong bereits im Vorjahr formulierte. Sie hatte prognostiziert, dass die Standardannahme bald sein werde, ein Foto sei gefälscht, weil realistisch wirkende Fakes trivial zu erzeugen seien. Mosseri stimmt ihr im Kern zu und fordert, Plattformen wie Instagram müssten ihre Werkzeuge an diese Entwicklung anpassen. Dazu zählt er bessere Kreativ-Tools, die Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten, die Verifizierung authentischer Medien, mehr sichtbare Glaubwürdigkeits-Signale zu Accounts sowie ein Ranking, das Originalität bevorzugt.
Der Tod des alten Instagram-Feeds und der Boom des Roh-Looks
Für alle über 25 beschreibt Mosseri ein vertrautes Bild: Instagram als chronologischer Strom quadratischer Fotos mit perfektem Make-up, glatter Haut und Landschaftsaufnahmen. Diesen Feed bezeichnet er als „tot“. Persönliche Momente würden seit Jahren kaum noch im öffentlichen Feed geteilt, sondern vor allem in Direktnachrichten. Dort dominierten verwackelte Videos, unscharfe Fotos aus dem Alltag, Schuhfotos und unvorteilhafte Schnappschüsse.
Diese rohe Ästhetik habe inzwischen den öffentlichen Bereich und andere Kunstformen erfasst. Nach Mosseris Ansicht setzen Kamerahersteller dennoch auf den falschen Stil, indem sie allen Nutzer:innen den Look professioneller Fotografie von 2015 ermöglichen wollen. In einer Welt, in der KI makellose Bilder erzeugt, werde gerade dieser professionelle Look zum Erkennungszeichen künstlicher Inhalte. Glatte, schmeichelhafte Bilder seien günstig zu produzieren und langweilig anzuschauen. Gefragt sei Content, der sich echt anfühle. Versierte Creator:innen nutzten bewusst unproduzierte, unvorteilhafte Bilder. Unperfektion werde zum Signal für Echtheit und zu einer Art Verteidigungsstrategie: „Das ist real, weil es unperfekt ist.“
Wenn KI auch Imperfektion fälscht
Mosseri erwartet jedoch, dass KI bald jeden gewünschten Stil überzeugend nachbilden wird – auch einen vermeintlich „rohen“ Look. Spätestens dann müsse sich der Fokus verschieben: weg vom Inhalt selbst, hin zu der Person oder Institution, die ihn verbreitet. Er hält es für wahrscheinlicher, echte Medien eindeutig zu kennzeichnen, statt Fälschungen zu erkennen. Kamerahersteller könnten Bilder beim Auslösen kryptografisch signieren und so eine Art Nachweiskette schaffen.
Plattformen wie Instagram würden zwar weiter daran arbeiten, KI-Inhalte zu identifizieren, dabei aber zwangsläufig schlechter werden, weil die Technik sich rasant verbessere. Daher fordert Mosseri neben der Kennzeichnung von KI-Material deutlich mehr Kontext zu Accounts, damit Nutzer:innen fundierte Entscheidungen treffen können. Im Mittelpunkt stehe die Frage, wer hinter einem Konto steckt. In einer Welt unendlicher Fülle und wachsenden Zweifels würden sich diejenigen Creator:innen durchsetzen, die Vertrauen aufbauen und ihre Authentizität erkennbar machen – durch Ehrlichkeit, Transparenz und Konsistenz. Für Instagram bedeute das: bessere Werkzeuge, Kennzeichnung künstlicher und Verifizierung echter Inhalte, sichtbare Glaubwürdigkeits-Signale und eine stärkere Bevorzugung originärer Beiträge. Die Plattform müsse sich schnell und in mehreren Dimensionen weiterentwickeln.
Via: https://www.theverge.com
Titelbild KI (Zur Illustration)
