Urin liefert viele Gesundheitsdaten, ohne dass Ihr dauerhaft einen Fitness-Tracker tragen oder Blut abnehmen lassen müsst. Smarte Urin-Analysen werden damit zum neuen Gesundheitstrend im Badezimmer.
Vivoo: Smarter Toilettensensor für den Alltag
In den vergangenen Monaten sind immer mehr Urin-Tracker aufgetaucht, zuletzt die smarte Toilette von Vivoo. Der Sensor wurde auf der CES 2026 vorgestellt und ist seit dieser Woche im Handel. Er kostet 99 US‑Dollar (rund 91 Euro) und lässt sich in nahezu jede Toilettenschüssel einclipsen.
Vor der Nutzung verbindet Ihr den Sensor per Bluetooth mit der zugehörigen Smartphone-App. Beim Toilettengang nimmt das Gerät eine Probe und misst mit optischen Sensoren die spezifische Dichte des Urins. Eine integrierte Recheneinheit wertet die Messwerte mit proprietären Algorithmen aus und zeigt Euch an, ob Ihr ausreichend hydriert seid.
Der Hersteller setzt dabei auf antibakterielle Komponenten und antifungale Nanotechnologie. Der Sensor ist für mehr als 1.000 Anwendungen ausgelegt und kommt vollständig ohne Berührung aus, Ihr müsst ihn also nicht direkt anfassen.
Withings U-Scan und Kohler Dekoda: Konkurrenz mit Tücken
Ich habe zuletzt mehr Zeit mit meiner Toilette verbracht als seit der Windelentwöhnung meiner Kinder. Neben Vivoo habe ich auch den U-Scan von Withings getestet, ein deutlich teureres und hochwertiger wirkendes Analysegerät für den Toilettenrand. Es kostet 380 US‑Dollar (rund 350 Euro).
Withings bietet zwei Varianten: U-Scan Nutrio misst Ketonwerte, Hydrationsstatus und Säuregrad des Urins, also im Wesentlichen Parameter rund um Diabetes. U-Scan Calci erfasst den Kalziumgehalt im Urin, der früh auf mögliche Nierensteine hinweisen kann.
Wie bei Vivoo öffnet sich der U-Scan und nutzt eine Kartusche zur Probenahme. Das Gerät ist dadurch nicht vollständig wasserdicht, und Ihr müsst beim Wasserlassen zielen. Das führte zu einigen notwendigen Gesprächen über die richtige Platzierung mit meinem Mann.
Zum Reinigen und Laden müsst Ihr den U-Scan aus der Toilette nehmen, was auch beim Wechsel der Kartusche nötig ist – ungefähr einmal im Monat. Die Ersatzkartuschen werden praktischerweise mit einem Paar Gummihandschuhen geliefert.
Trotz dieses Aufwands wirkt der Prozess immer noch deutlich kontrollierter als beim Dekoda-System von Kohler, das im vergangenen Jahr angekündigt wurde. Dabei handelt es sich im Prinzip um eine Toilettenschüssel-Kamera, die alles fotografiert, was in der Toilette landet, und die Bilder per KI auswertet, um Empfehlungen für die Darmgesundheit zu geben.
Allerdings stellte sich heraus, dass die als Ende-zu-Ende-verschlüsselt beworbene Kamera diese Verschlüsselung in der Praxis nicht einhielt. Zudem kostet das System 599 US‑Dollar (rund 553 Euro).
Warum Urin-Tracking normaler wird
Vor gut zehn Jahren galt die Idee, Vorgänge in der Toilette zu tracken, noch als so abstoßend, dass der Sender Adult Swim sie parodierte. Inzwischen überwachen wir nicht nur Schritte und Herzschläge, sondern testen auch Blut und Speichel. Informationen aus der Toilette wirken da weniger ungewöhnlich.
Vivoo-Mitgründerin Miray Tayfun erklärt, warum die bloße Sichtkontrolle der Urinfarbe nicht ausreiche: „Die Urinfarbe ist ein subjektiver visueller Hinweis, der stark von Lichtverhältnissen, Ernährung, Nahrungsergänzungsmitteln und Umweltfaktoren abhängt. Aufgrund dieser Variabilität bildet die Farbe allein Veränderungen im Zusammenhang mit der Hydration nicht zuverlässig ab.“
Urinanalysen gehören ohnehin zu vielen Routineuntersuchungen, insbesondere in der Schwangerschaft, im höheren Alter oder bei Prädiabetes. Ähnlich wie frei verfügbare Bluttests können kommerzielle Urin-Tests dabei helfen, Lücken im Gesundheitssystem zu überbrücken. Tayfun zufolge wird Vivoo die Plattform wahrscheinlich weiter ausbauen; das Unternehmen bietet bereits günstige Teststreifen für zu Hause an.
Wenn Ihr keine bekannte Vorerkrankung überwacht, müsst Ihr dafür vermutlich nicht extra viel Zeit auf der Toilette verbringen. Aber selbst das Reinigen eines U-Scan wirkt deutlich weniger einschüchternd, als sich regelmäßig Nadeln unter die Haut zu stechen, um herauszufinden, was im Körper passiert. Urin ist einfacher – und kostenlos sowie allgegenwärtig. Das bestätigt mir auch mein Hund auf jedem Spaziergang.
Bild Withings
