Europa gilt beim Ausbau von Rechenzentren oft als Nachzügler hinter den USA und China. Doch gerade der langsamere, stärker regulierte Ansatz könnte sich langfristig als Vorteil erweisen.
Ausbau unter Strom: Energie als entscheidender Engpass
Weltweit läuft ein Wettlauf, die Rechenzentrumskapazitäten zu verdoppeln oder zu verdreifachen. Laut der Unternehmensberatung McKinsey könnte der globale Ausbau bis 2030 bis zu 7 Billionen US-Dollar (rund 6,5 Billionen Euro) kosten. McKinsey-Partner Pankaj Sachdeva erwartet, dass die USA den größten Anteil stellen werden, Europa seine Kapazitäten aber ebenfalls fast verdoppelt und damit weitgehend Schritt hält.
Voraussetzung dafür ist, dass die Europäische Union zentrale Engpässe bei Energieversorgung und Regulierung überwindet. Der wichtigste Flaschenhals ist der Zugang zu Strom: Kosten und Verfügbarkeit bestimmen, wohin Investitionen fließen. Die nordischen Länder und Spanien profitieren von Energieüberschüssen durch Wasserkraft und erneuerbare Quellen und ziehen verstärkt Rechenzentrumsprojekte an. Deutschland und Großbritannien gelten dagegen wegen begrenzter Energieversorgung als weniger attraktiv.
Beim Netzzugang gehört etwa Italien zu den Gewinnern. Nach Angaben des Thinktanks Ember liegt die Anschlusszeit dort bei bis zu drei Jahren, im europäischen Durchschnitt eher bei vier. Deutlich schlechter stehen Deutschland, Großbritannien, Irland und die Niederlande da, wo Netzkapazitäten fehlen oder ein faktischer Baustopp droht, wie Jags Walia von Van Lanschot Kempen erklärt.
Hinzu kommt: Während die USA mit Deregulierung und massiven Investitionen einen schnelleren Ausbau ermöglichen, bleibt Europa im Vergleich zurück. Laut Walia verfügen die meisten europäischen Länder über 200 bis 300 Rechenzentren, die USA dagegen über rund 5.400. Das führt zu einer stärkeren Diversifizierung weg von den klassischen FLAP-D-Standorten Frankfurt, London, Amsterdam, Paris und Dublin hin zu Regionen mit stabilen Ressourcen. In Großbritannien hat die Zentralregierung bereits mehrfach lokale Entscheidungen zugunsten von Rechenzentren überstimmt; zudem wurden diese als Kritische Nationale Infrastruktur eingestuft.
Stromhunger, neue Regeln und Chancen für KI-Schlussfolgerung
Der Energiebedarf von Rechenzentren könnte sich laut Internationaler Energieagentur bis 2026 mehr als verdoppeln – von 460 Terawattstunden im Jahr 2022 auf 1.000 Terawattstunden, vor allem durch KI. Strom ist der größte Kostenfaktor, auch wenn moderne Anlagen diese Last etwas reduzieren können. Für Europa ist das besonders problematisch, da die Energiepreise seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine stark gestiegen sind. In Großbritannien liegen sie etwa 75 Prozent über dem Vorkriegsniveau.
Investoren und Betreiber:innen müssen hohe Energiekosten gegen Wartezeiten beim Netzanschluss abwägen. Laut Kevin Restivo von CBRE erschweren zudem Spekulant:innen, die sich lediglich Netzkapazitäten sichern wollen, die Planung. Großbritannien stellte bisher nach dem Prinzip „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ zu, unabhängig von der Bedeutung eines Projekts. Nun stellt das Land auf ein „Zuerst fertig, zuerst angeschlossen“-Verfahren um, bei dem baureife Projekte im Netzanschluss vorrücken können. Dies soll Spekulation eindämmen und zeigt, wie sich Versorgungssysteme anpassen müssen.
Der gemächlichere Ausbau zwingt europäische Entwickler:innen dazu, bewusster zu planen, was wo und wie gebaut wird. So könnten verstärkt moderne, flexible Rechenzentren entstehen. Ein schneller Hebel, um Engpässe zu umgehen, ist laut Walia die Umnutzung bestehender Industriestandorte mit guter Netz-Anbindung zu Technik-Hubs.
Beim KI-Training und bei Großanlagen für KI-Giganten wird Europa voraussichtlich nicht führen. Doch Analyst:innen sehen eine Chance bei kleineren, cloud-orientierten und stark vernetzten Rechenzentren sowie bei Infrastruktur für KI-Schlussfolgerung (Inference). McKinsey schätzt, dass 70 Prozent der KI-Nachfrage aus Inference stammen werden. Große, teure KI-Campusprojekte sind in Europa bisher selten, was laut Seb Dooley von Principal Asset Management vor einer möglichen Überkapazitätsblase schützen könnte.
Principal Asset Management rechnet damit, dass KI-Inference in denselben Gebäuden wie Cloud-Dienste läuft, wie bereits an einigen US-Standorten. Das bietet Investor:innen zusätzliche Ertragschancen ohne die hohen Spekulationsrisiken anderer KI-Investments. Gleichzeitig dürfte Inference aus Gründen der „souveränen KI“ weitgehend innerhalb europäischer Grenzen stattfinden. Dafür sind höhere Leistungsdichten pro Rack und andere Kühlsysteme nötig. Rechenzentren müssen daher flexibel und robust ausgelegt sein, um zwischen Cloud- und KI-Betrieb wechseln zu können.
Regulierung, Risiko und langfristiger Wert für Europa
Die schnelle Entwicklung der KI nährt Spekulationen über eine mögliche Blase und die Gefahr gestrandetet Investitionen. Selbst ohne Crash bleibt das Risiko, dass heutige Rechenzentren künftigen Anforderungen nicht mehr genügen. Investor:innen sichern sich deshalb zunehmend Kund:innen, bevor gebaut wird. Laut Restivo sind spekulativ errichtete Rechenzentren weitgehend Vergangenheit. Betreiber:innen binden Kund:innen eher mit Laufzeiten von zehn bis fünfzehn Jahren und reduzieren so das Obsoleszenzrisiko.
Anders sieht es bei jungen Unternehmen und sogenannten Neo-Cloud-Anbietern aus, die mit fünf- bis siebenjährigen Verträgen und unreifen Geschäftsmodellen als deutlich riskanter gelten. Trotzdem zeigen sich einige Kreditgeber und Projektentwickler:innen zunehmend bereit, solche Risiken zu tragen. Herausfordernd kann auch die Umnutzung laufender Industrieanlagen sein, weil dadurch Arbeitsplätze gefährdet werden. Zudem verlangt die EU von Betreiber:innen Berichte zu Energie- und Wasserverbrauch sowie eine Begründung für den gewählten Standort. In manchen Ländern gehen die Vorgaben weiter: In Spanien sollen Entwickler:innen künftig auch die sozioökonomischen Auswirkungen ihrer Projekte dokumentieren.
Dooley geht davon aus, dass die strengen Regeln Europa langfristig helfen. Rechenzentren würden so eher in lokale Strukturen eingebunden, statt als belastende Fremdkörper wahrgenommen zu werden. Nachhaltigkeit sieht er als einen Bereich, in dem Europa bereits stark innoviert.
Gerade weil der Bau in Europa schwierig und schwer zu kopieren ist, könnten Rechenzentren dort aus Sicht der Kapitalmärkte als sicherere, werthaltigere Anlagen gelten. Knappheit steigert nach Einschätzung von Investor:innen die Profitabilität und Widerstandsfähigkeit, während Regulierung nachhaltige und gesellschaftlich akzeptierte Lösungen fördert. Zugleich wird die politische Forderung nach souveräner KI zum unterschätzten Treiber für neue Rechenzentren in Europa.
Eine einheitliche Blaupause für Rechenzentren in Europa wird es aber nicht geben. Die Branche befindet sich noch in der Phase, in der sie herausfinden muss, was genau sie langfristig benötigt.
Via: https://www.cnbc.com
Titelbild KI (Zur Illustration)