Australien arbeitet konsequent daran, sein Stromnetz komplett auf erneuerbare Energiequellen umzustellen. Der Ansatz könnte als Vorbild für andere Industrienationen dienen.
Der aktuelle Stand der Energiewende
Australien ist eines der ersten Länder weltweit, das einen realistischen Kurs Richtung komplett erneuerbares Stromsystem eingeschlagen hat. Der Australian Energy Market Operator (AEMO) verwaltet die Strommärkte, insbesondere den National Electricity Market – dieser versorgt rund 90 Prozent der Bevölkerung. Die Höchstlast liegt bei 38 Gigawatt und ist damit höher als die Spitzenlast des US-Bundesstaates New York. In den letzten fünf Jahren untersuchte AEMO intensiv, wie der Umbau gelingen kann, da das Land auf alternde Kohlekraftwerke setzt und seit Jahrzehnten auf Atomenergie verzichtet. AEMO-Chef Daniel Westerman betont, dass das kein reines Klimaschutzprojekt ist: Die Kohlekraftwerke werden schrittweise durch günstigere erneuerbare Energie mit Speicherlösungen und Gaskraft als Reserve ersetzt.
Australien beweist, dass eine hochindustrialisierte Volkswirtschaft schnell vom fossilen Strom auf Wind, Solar, Speicher und Wasserkraft umstellen kann. Laut IEA liegt der Anteil erneuerbarer Energien derzeit bei etwa 35 Prozent, Kohle führt mit 46 Prozent. Marktkraft, nicht politische Vorgaben, treiben die Entwicklung. Westerman rechnet mit 90 Prozent weniger Kohlestrom bis 2035, der vollständige Ausstieg könnte bis Ende der 2030er Jahre erfolgen. Das nächste große Ziel: Der erste Tag ohne Kohleeinspeisung, was auch durch technische Ausfälle der alten Anlagen bald Realität werden könnte.
Stärken von Australiens Energiemarkt
Australiens günstige Voraussetzungen hängen mit Geografie und Marktstruktur zusammen. Das Land ist sonnig, windig, kaum besiedelt (27 Millionen Menschen) und fast so groß wie das zusammenhängende US-Festland. Der zentrale Strommarkt erlaubt schnelle Einführung neuer Technologien, da es keine Zersplitterung wie in den USA gibt. Auch billige Importe, etwa aus China, lassen erneuerbare Technologien günstiger werden.
Im vergangenen Monat erreichten erneuerbare Energien zeitweise 77 Prozent Anteil am Netzausbau. Südaustralien speist regelmäßig mehr Strom aus Wind und Sonne ins Netz ein, als verbraucht wird. Auch bei Solarenergie setzen die Australier:innen Maßstäbe: Vier Millionen Haushalte betreiben eigene Solaranlagen, sie deckten zuletzt 55 Prozent der Nachfrage in der Hauptzeit des National Electricity Market.
Die Begeisterung für Solartechnik auf dem eigenen Dach ist hoch. Australien hat die höchste Verbreitung von Photovoltaik auf Privathäusern weltweit – das stärkt die Unabhängigkeit und sorgt für eine dezentrale Struktur.
Technische Herausforderungen und Lösungen
Ein Problem auf dem Weg zur Vollversorgung mit Erneuerbaren bleibt: Die Stabilisierung der Stromnetze, wenn große fossile Anlagen wegfallen. Die bisherigen Kohlegeneratoren liefern wichtige Dienstleistungen wie Spannungshaltung, Frequenzregelung und Inertia (Schwungmasse). Neue Lösungen sind nötig, um diese „Stoßdämpfer“ der Stromnetze zu ersetzen. Batteriespeicher können vieles abdecken, aber nicht alles. Vor allem die sogenannte Fehlerstromfähigkeit ist herausfordernd, sie schützt bei Kurzschlüssen und Netzstörungen. Eine Option: Der Einbau von Synchron-Kondensatoren, also drehenden Schwungmassen, die ohne Brennstoffe Energie stabilisieren. Sinnvoll ist auch eine Umrüstung bestehender Gaskraftwerke mit Kupplungen, sodass deren Generatoren unabhängig vom Gasbetrieb weiterlaufen können. Diese Technik ist erprobt und deutlich günstiger als komplette Neuanlagen. In Queensland ist bereits eine solche Umrüstung am Start – Siemens Energy spricht vom weltweit ersten Projekt dieser Art an einem Gaskraftwerk. Das Verfahren dauert etwa 18 Monate und halbiert die Kosten im Vergleich zum Neubau eines Synchron-Kondensators.
Auch neue Speicherverfahren wie das in Broken Hill geplante Druckluftspeicher-Projekt liefern Schwungmasse und können Netzstabilität sichern. Dort wird komprimierte Luft genutzt, um bei Bedarf Turbinen anzutreiben und lokal Strom bereitzustellen. Die Technik nutzt bekannte Komponenten und sogar Kupplungen wie im Automobilbereich. In einem Auswahlverfahren setzte sich diese Lösung durch, weil sie einfach und zuverlässig ist. Wenn sich solche Technologien durchsetzen, könnten sie den Bedarf an fossilen Backup-Kraftwerken weiter reduzieren. Das Klima für Innovationen ist in Australien positiv, das zeigen Stimmen aus der Branche – hier zählt der Wille, Lösungen umzusetzen, mehr als Bedenken.
