Sprachmodelle beeinflussen nicht nur Texte im Netz, sondern offenbar auch unsere Alltagssprache. Neue Berichte deuten darauf hin, dass Menschen zunehmend wie Chatbots klingen.
Forschung zeigt messbare Veränderungen im Wortschatz
Bereits im Juli dieses Jahres veröffentlichten Forschende am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Zentrum für Adaptive Rationalität, eine Studie mit dem Titel „Empirische Belege für den Einfluss großer Sprachmodelle auf menschliche gesprochene Kommunikation“. Die Arbeit untersuchte, wie sich der Wortschatz von YouTube-Nutzer:innen nach der Veröffentlichung von ChatGPT verändert hat. Konkret werteten die Forschenden die Nutzung von Begriffen wie „unterstreichen“, „verstehen“, „stärken“, „aufweisen“, „zügig“, „Anfrage“ und „sorgfältig“ aus.
Die Analyse ergab einen plausiblen, aber nicht abschließenden Zusammenhang zwischen diesen Veränderungen im gesprochenen Wortschatz über einen Zeitraum von 18 Monaten und der Nutzung des Chatbots. Die Studie konnte damit zwar keinen endgültigen Beweis liefern, legte aber nahe, dass der Einfluss großer Sprachmodelle auf den Sprachgebrauch real sein könnte.
Moderation auf Reddit: Wenn Menschen wie KI schreiben
Zwei neuere, eher anekdotische Beobachtungen lassen vermuten, dass dieser sogenannte „Chatbot-Dialekt“ inzwischen im Alltag deutlich zu spüren ist. In einem Bericht des Magazins Wired schildert Autorin Kat Tenbarge, wie Moderator:innen bestimmter Reddit-Foren zunehmend mit KI-Inhalten kämpfen. Es handelt sich um Subreddits wie r/AmItheAsshole, r/AmIOverreacting und r/AmITheDevil, in denen Besucher:innen echte menschliche Verfehlungen und Konflikte erwarten.
Dort geht es um Geschichten, etwa von trauernden Studierenden, denen plötzlich die Studiengebühren gestrichen werden, weil sie gegenüber ihren Stiefeltern die Beherrschung verlieren. Wenn hinter solchen Schilderungen keine realen Personen stehen, verlieren die Foren ihren Reiz. Die Moderator:innen erklären in Wired, wie sie vermeintliche KI-Beiträge erkennen. Am Ende läuft vieles jedoch auf ein diffuses Gefühl hinaus: „Es sind die Vibes.“
Neu ist dabei ein spezielles Problem im Kampf gegen minderwertige KI-Texte: Nicht nur von Menschen geschriebene Beiträge formuliert KI nachträglich um. Moderator:innen sorgen sich inzwischen auch, dass Menschen selbst anfangen, wie KI zu schreiben. Personen würden zu KI-Textgeneratoren aus Fleisch und Blut, sodass sich KI-Inhalte kaum noch zuverlässig identifizieren lassen. Eine Moderatorin von r/AmItheAsshole, die in Wired nur „Cassie“ heißt, fasst es so:
KI wird mit Daten von Menschen trainiert, und Menschen kopieren, was sie bei anderen sehen.
Daraus folge, sagt sie:
Menschen werden mehr wie KI, und KI wird mehr wie Menschen.
Chatbot-Stil in Politik und Unternehmenskommunikation
Parallel dazu hat der Essayist Sam Kriss für das New York Times Magazine untersucht, wie Chatbots „schreiben“. Er stellt fast, dass Menschen unbewusst Elemente dieses Stils übernehmen. Er analysierte typische Eigenheiten, etwa den übermäßigen Gebrauch des Wortes „vertiefen“. Dieses taucht wohl deshalb so häufig auf, weil es in Texten aus Nigeria beliebt ist und dort überproportional vorkommt.
Kriss verweist außerdem auf eine bereits im Sommer berichtete Entwicklung: Mitglieder des britischen Unterhauses wurden verdächtigt, ChatGPT für ihre Reden zu nutzen. Der Verdacht stützte sich auf Formulierungen wie „Ich erhebe mich, um zu sprechen“, eine in den USA gebräuchliche Wendung von Parlamentarier:innen. Kriss stellt fest, dass sie nicht nur vereinzelt, sondern auffallend oft vorkommt. An einem einzigen Tag im Juni sei sie 26 Mal verwendet worden. Dass 26 verschiedene Abgeordnete ihre Reden von ChatGPT schreiben ließen, sei zwar möglich, aber Kriss hält es für wahrscheinlicher, dass Chatbots „kulturelle Praktiken an Orte einschleusen, an die sie nicht gehören“.
Kriss zieht noch ein weiteres Beispiel heran: Als im September Filialen von Starbucks schlossen, hingen an den Türen Schilder mit Formulierungen wie: „Es ist euer Kaffeehaus, ein Ort, der in euren täglichen Rhythmus eingewebt ist, an dem Erinnerungen entstanden sind und an dem im Lauf der Jahre bedeutsame Verbindungen mit unseren Partner:innen gewachsen sind.“ Ob dieser Text tatsächlich von einer KI stammt, lasse sich nicht sicher sagen.
Relativ eindeutig sei jedoch, dass diese Art gestelzter Prosa erst seit der Einführung von ChatGPT in dieser Form verbreitet sei. Und zumindest ein Teil dieses neuen, als störend empfundenen Stils habe sich inzwischen in vielen Köpfen festgesetzt – unabhängig davon, ob wir das wollen oder nicht.
Via: https://gizmodo.com
Bild Gemini KI
