Autoritäre Staaten versuchen häufig, verschlüsselte Kommunikation einzuschränken. In Russland trifft das aktuell FaceTime – iMessage bleibt dagegen überraschend unangetastet.
Eine technische Besonderheit von Apple könnte erklären, warum ein gezieltes Verbot von iMessage deutlich schwieriger ist als gedacht.
Russland sperrt FaceTime, aber nicht iMessage
In der vergangenen Woche hat Russland die Nutzung von FaceTime im Land blockiert und sich dabei offiziell auf Terrorismusbekämpfung berufen. Die Aufsichtsbehörde Roskomnadsor erklärte in einer E‑Mail, der Dienst werde genutzt, um Terroranschläge zu organisieren, Täter:innen anzuwerben sowie Betrug und andere Straftaten gegen russische Bürger:innen zu begehen. Konkrete Belege für diese Vorwürfe nannte die Behörde nicht.
FaceTime verwendet Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, sodass staatliche Stellen Gespräche nicht ohne Weiteres abhören können. Ähnliches gilt für iMessage, das ebenfalls per Ende-zu-Ende-Verschlüsselung geschützt ist. Daher stellte sich die Frage, warum Russland FaceTime sperrt, iMessage aber nicht.
Eine mögliche Erklärung lautete bislang, dass iMessage in Russland nur von sehr wenigen Nutzer:innen verwendet wird und andere Messenger deutlich verbreiteter sind. Nun ist jedoch ein weiterer technischer Ansatz aufgetaucht, der die Lage anders erscheinen lässt.
iMessage und Push-Mitteilungen hängen offenbar zusammen
Der Apple-Beobachter John Gruber hatte öffentlich über das Ausbleiben eines iMessage-Verbots spekuliert. Darauf reagierte der Mastodon-Nutzer Magebarf mit einem technischen Hinweis: Seiner Einschätzung nach läuft der iMessage-Datenverkehr über denselben Endpunkt wie die Push-Mitteilungen auf iOS-Geräten.
Wenn diese Annahme stimmt, hätte ein gezieltes Sperren von iMessage zur Folge, dass sämtliche entfernten Push-Mitteilungen an iPhones nicht mehr funktionieren. Damit wären nicht nur Nachrichten, sondern auch Benachrichtigungen für zahlreiche andere Apps betroffen, die auf den Apple Push-Benachrichtigungsdienst angewiesen sind.
Magebarf vermutet, Apple habe diese Architektur ursprünglich gewählt, um Mobilfunkanbieter daran zu hindern, iMessage zu blockieren. Als iMessage startete, verdienten Netzbetreiber noch an SMS mit Gebühren pro Nachricht und hätten daher ein Interesse haben können, den Datendienst auszubremsen.
Da Push-Mitteilungen jedoch bereits ein zentrales Verkaufsargument für das iPhone waren, hätten die Anbieter iMessage nicht mehr einfach herausfiltern können, ohne gleichzeitig die Benachrichtigungen zu zerstören. Als Indiz führt Magebarf an, dass bei der Buchung eines reinen Messaging-Tarifs im WLAN an Bord von Flugzeugen weiterhin Push-Mitteilungen anderer Apps ankommen, obwohl diese Apps selbst nicht nutzbar sind.
Bewertung: Erklärung plausibel, aber nicht gesichert
Ganz eindeutig ist die Lage jedoch nicht. Auch FaceTime nutzt den Apple Push-Benachrichtigungsdienst, was die Vermutung relativiert, dass allein die gemeinsame Nutzung dieses Kanals iMessage speziell schützt. Zusätzlich könnten Regierungen andere Wege wählen, um iMessage zu beeinträchtigen, etwa über eine Sperre der Apple-Dienste zur Identitätsverwaltung. Allerdings wäre eine solche landesweite Blockade technisch anspruchsvoll.
Die These, dass die iMessage-Architektur Regierungen unbeabsichtigt ausbremst, wirkt plausibel, bleibt aber Spekulation. Ebenso ist unklar, ob Apple neben den Mobilfunkanbietern von Beginn an auch repressive Staaten im Blick hatte. In diesem Fall wäre wiederum fraglich, warum ein vergleichbarer Schutzmechanismus offenbar nicht für FaceTime gilt.
Fest steht: Wenn iMessage und Push-Mitteilungen technisch eng verknüpft sind, wird ein gezieltes Verbot des Messengers für Regierungen zur Gratwanderung – mit potenziell massiven Nebenwirkungen für iOS-Nutzer:innen im ganzen Land.
Via: https://9to5mac.com
Titelbild: Apple
