In meinem DJI Osmo 360 II ausprobiert Test nehme ich die neue 8K Rundumkamera in der Adventure Combo genau unter die Lupe. Läuft DJI dem bisherigen Platzhirsch von Insta360 endgültig den Rang ab?
Wer sich schon einmal im unübersichtlichen Dickicht moderner Actionkameras verloren hat, weiß. Eine 360 Grad Kamera kauft man nicht aus einer bloßen Laune heraus. Man greift zu einem solchen Kugelauge mit der Absicht, nie wieder einen epischen Moment zu verpassen. Und das nur, weil die Linse versehentlich in die falsche Richtung blickte. Auf meinem Schreibtisch liegt nun die neue DJI Osmo 360 II in der üppigen Adventure Combo. Neben der eigentlichen Kamera fördert die Verpackung ein Zubehörarsenal zutage, das den moderaten Aufpreis gegenüber der Standardversion schnell rechtfertigt.
Das Prunkstück ist zweifellos das multifunktionale Ladeetui samt dreier überarbeiteter Akkus mit jeweils 2.150 Milliamperestunden Kapazität. Wer schon mal bei nasskalter Witterung auf einem windigen Berggipfel stand und zusehen musste, wie der Akkustand schneller sank als die eigene Laune, wird diesen dreifachen Energiespeicher sofort ins Herz schließen. Dazu gesellt sich der obligatorische unsichtbare Selfie-Stick mit 1,20 Metern Auszugslänge, ein magnetischer Schnellwechseladapter und eine elastische Schutzhülle für die empfindlichen Linsenwölbungen. Alles wirkt gewohnt sauber verarbeitet und aufgeräumt. Einzig beim beigelegten Ladekabel beweist DJI wieder den gewohnten Minimalismus.
Die kurze Strippe zwingt die Kamera an der Steckdose zum wackeligen Schwebezustand. Ein altbekanntes Ärgernis, das man bei einem Bundle-Preis von immerhin 739 Euro langsam mal abstellen könnte. Aktuell bei Amazon für 486,76 Euro zu haben.
Nimmt man die Osmo 360 II erstmals in die Hand, fällt das bekannte, fast quadratische Gehäuse auf. Mit 183 Gramm liegt sie angenehm massiv in den Fingern, ohne das Handgelenk bei längeren Schwenks unnötig zu strapazieren. Optisch vollzieht DJI einen sichtbaren Kurswechsel. Statt glatter, steriler Oberflächen dominieren nun Torx-Schrauben auf der Rückseite und ein deutlich vergrößertes Metallgitter für die Mikrofone.
Das verleiht der Kamera einen rauen, funktionalen Werkzeug Charme. Und genau das soll sie schließlich sein: ein Arbeitsgerät für alle Umgebungen. Die wichtigste Veränderung versteckt sich hinter den beiden hervorstehenden Glasaugen. Jetzt lassen sich die äußeren Schutzlinsen im Falle eines Sturzes selbstständig und ohne Werkstattaufenthalt wechseln. DJI legt dafür ein durchdachtes Tausch Set mit Saugnapf, Montageschlüssel und Spezialhandschuhen auf, das mit knapp 40 Euro erfreulich bodenständig bepreist ist. Eine zusätzliche innere Glasschicht schützt den Sensor zuverlässig vor eindringenden Staubpartikeln, während man die zerkratzte Linse herausschraubt. Zudem besitzen die Gläser eine neue gehärtete Ionen Beschichtung, die im alltäglichen Einsatz spürbar mehr aushält und feine Kratzer effektiv abwehrt. Wer schon einmal eine teure Panorama-Kamera wegen eines winzigen Steinschlags als wirtschaftlichen Totalschaden abschreiben musste, atmet vernehmbar auf. Das Gehäuse selbst ist nach IP68 zertifiziert und bis zehn Meter Tiefe ohne zusätzliches Unterwassergehäuse wasserdicht.
Unter der widerstandsfähigen Hülle hat DJI die Rechenmuskeln kräftig angespannt. Das Herzstück bilden zwei neu abgestimmte, quadratische CMOS-Sensoren im 1/1,1-Zoll Format mit einer Lichtstärke von f/1,9 und üppigen 2,4 Mikrometer großen Pixeln. Die quadratische Bauform ist reine optische Physik. Da runde Bildkreise von Fischaugenlinsen auf traditionellen Rechteck-Chips unnötig viel Randfläche verschenken, nutzt DJI die Sensorfläche um gut 25 Prozent effizienter aus. Das Resultat auf dem Datenblatt setzt ein Ausrufezeichen. Die Osmo 360 II ist die weltweit erste 360 Grad Kamera, die echtes natives 8K Panoramavideo mit flüssigen 60 Bildern pro Sekunde aufzeichnet.
Wer schnelle Sportarten wie Mountainbiking oder Skifahren filmt, weiß, wie störend ruckelig 30 oder 50 Bilder bei dynamischen Bewegungen wirken können. Die 60 Bilder liefern genau jene visuelle Geschmeidigkeit, die im 360 Grad Bereich bislang schmerzlich vermisst wurde. Gleichzeitig klettert der Dynamikumfang laut Hersteller auf beachtliche 14,5 Blendenstufen. Für die anspruchsvolle Farbkorrektur steht ein 10-Bit D-Log M Profil bereit, das nun über sämtliche Auflösungen hinweg verfügbar ist. Fotografen freuen sich über detailreiche 120 Megapixel Panoramen mit integriertem HDR. Alternativ greifen sie für manuelle Korrekturen auf 30 Megapixel DNG Raw zurück. Auch Zeitlupenfreunde kommen auf ihre Kosten: Nativ liefert die Kamera bis zu 240 Bilder pro Sekunde in 4K Auflösung, die sich per KI Interpolation auf dem Mac noch weiter verlangsamen lassen.
Ein technisches Ausstattungsmerkmal verdient ein ausdrückliches Extralob, weil es im Alltag über Wohl und Wehe eines Drehtages entscheiden kann. Der interne Speicher. DJI spendiert der Osmo 360 II ab Werk stolze 105 Gigabyte nutzbaren Highspeed Speicher. Wer jemals am Einsatzort stand, die Kamera einschaltete und die gefürchtete Fehlermeldung über eine fehlende oder defekte Speicherkarte erblickte, wird die interne Notfallreserve auf Knopfdruck vergöttern. Die Flash Einheit schluckt mühelos über eine Stunde hochbitratiges 8K Material. Sie schaufelt die Daten via USB-C mit flotten Übertragungsraten von bis zu 800 Megabyte pro Sekunde auf den Mac oder eine externe SSD. Selbstverständlich existiert weiterhin ein zusätzlicher microSD Kartenschacht, der allerdings etwas fummelig direkt neben dem Akku im Batteriefach untergebracht ist. Bei der drahtlosen Verbindung hat DJI ebenfalls sinnvoll nachgebessert. Ein integrierter NFC Chip sorgt dafür, dass ein kurzes Antippen des iPhones an das Kameragehäuse genügt, um die DJI Mimo App verzögerungsfrei zu koppeln.
Ein lästige Warten im WLAN Menü entfällt damit komplett. Akustisch setzt DJI auf ein Array aus vier Mikrofonen mit neuem mechanischem Windschutzgitter für saubere Atmo-Aufnahmen. Noch spannender für Vlogger. Dank des OsmoAudio Standards lassen sich drahtlose DJI Funkmikrofone ohne klobigen Empfänger direkt per Bluetooth mit der Kamera verbinden – und das sogar zweikanalig für simultane Gesprächsaufnahmen zweier Personen vor der Kamera.
In der Praxis zeigt sich schnell. Eine 360 Grad Kamera verlangt ein grundlegendes Umdenken beim Filmen. Man wählt vor Ort keinen fixen Bildausschnitt, sondern nimmt schlicht den gesamten Raum samt Geschehen auf. Auf dem 2,0 Zoll großen horizontalen Touchscreen lässt sich das Bild dank 800 Nits Helligkeit auch bei direktem Sonnenlicht ordentlich kontrollieren. Allerdings gerät die Bedienung mit etwas dickeren Fingern schnell zum Geduldsspiel. Die Icons in den Ecken sind arg klein geraten, und allzu oft touchiert der Daumen versehentlich die gewölbte Frontlinse, was Schmierstreifen hinterlässt. Unterwegs erweisen sich die neuen Softwaremodi jedoch als echter Segen.
Vor allem der Spotlight Follow Modus überzeugt mich im Test. Man tippt auf dem Display das gewünschte Motiv an, und die Software hält die Person vollautomatisch in der Bildmitte. Völlig egal dabei, wie wild man den Selfiestick schwenkt. Man hat quasi einen digitalen Kameraassistenten dabei, der das zeitraubende nachträgliche Ausrichten spürbar verkürzt und die Postproduktion erleichtert. Ähnlich praktisch agiert das Dual Recording, das gleichzeitig die Vorwärtsansicht und die eigene Reaktion als Bild-in-Bild Video ablegt. Wer kein Rundumpanorama braucht, schaltet in den Einzelobjektivmodus und nutzt die Osmo wie eine traditionelle Actioncam mit digitaler HorizonSteady Stabilisierung, muss sich dann aber mit einem fest vorgegebenen Sichtfeld arrangieren.
Entscheidend ist am Ende die tatsächliche Bildqualität abseits der Datenblätter. Bei Tageslicht glänzt die Osmo 360 II mit bestechender Plastizität und natürlicher Farbgebung. Der spürbare Zuwachs an Dynamikumfang bewährt sich direkt. Wo kontrastreiche Szenen früher in ausgebrannten Wolken oder pechschwarzen Schatten endeten, differenzieren die Sensoren feine Himmelsstrukturen und schattige Untergründe harmonisch aus. Auch die Farbabstimmung widersteht der Versuchung künstlicher Bonbonfarben. Sie liefert ein neutrales Bild, das viel Spielraum fürs Grading am Mac lässt.
Wirklich verblüffend wird es, sobald das Tageslicht schwindet. Der runderneuerte AI SuperNight 2.0 Modus zieht bei schwierigen Lichtverhältnissen Reserven aus den Pixeln, die man einer kompakten Actioncam kaum zutrauen würde. Zwar lässt sich der Nachtmodus nun auch mit 60 Bildern aktivieren, die knackigsten und rauschärmsten Resultate erziele ich in der Praxis jedoch bei 30 Bildern pro Sekunde, da der Sensor dann deutlich mehr Photonen sammelt. Straßenlaternen überstrahlen kaum noch, und bewegte Motive bleiben ohne störendes Verwischen sauber gezeichnet. Lediglich im extremen Nahbereich unterhalb von 75 Zentimetern stolpert das automatische Stitching gelegentlich: Objekte, die genau über die Gehäusenaht wandern, wirken kurzzeitig wellig verzerrt. Wer ausreichend Abstand wahrt, erhält jedoch absolut saubere, plastische und nahtlose Rundumbilder fürs heimische Archiv und anspruchsvolle Videoprojekte im Netz.
Als ich vor knapp einem Jahr hier die Insta360 X5 unter die Lupe nahm, überzeugte mich das Modell. Vor allem durch seine innovativen Wechsellinsen und die ausgereifte App. Umso spannender ist der direkte Vergleich. Dass DJI das Prinzip der austauschbaren Linsenelemente nun übernimmt, neutralisiert den vormaligen Alleinstellungsvorteil von Insta360. Bei der reinen Video-Performance zieht DJI sogar vorbei. Echtes 8K bei 60 Bildern und die größeren quadratischen 1/1,1-Zoll-Sensoren bieten mehr Reserven bei Dynamik und Bewegungsauflösung als die X5. Zudem sticht der integrierte 105 GB Speicher die gänzlich speicherlose Konkurrentin glatt aus. Doch Insta360 behält gewichtige Trümpfe im Ärmel.
Die schlanke Hochkant-Bauform der X5 liegt ergonomisch angenehmer in der Hand. Auch ihr 2,5 Zoll großes Display lässt sich etwas zielsicherer bedienen als der schmale Screen der Osmo. Auch die Insta-App bietet nach wie vor mehr verspielte Effekte und kreative Schnittschablonen für schnelle Social Media Häppchen. Auf der Schattenseite kämpft die Osmo 360 II mit spürbarer Hitzeentwicklung. Bei statischen 8K60 Aufnahmen ohne kühlenden Fahrtwind quittierte die Kamera nach rund einer halben Stunde den Dienst wegen Überhitzung.
Für lange Interview Settings am Schreibtisch ist sie daher ohne aktive Belüftung die falsche Wahl. Die X5 blieb hier spürbar kühler und hielt deutlich länger durch.
Mit der Osmo 360 II in der Adventure Combo zeigt DJI eindrucksvoll, dass man Kundenfeedback ernst nimmt. Die Einführung von unkompliziert selbst wechselbaren Linsen nimmt der 360 Grad Videografie endlich das Schreckgespenst des Totalschadens durch einen unglücklichen Sturz. Im Zusammenspiel mit den lichtstarken quadratischen Sensoren, den flüssigen 60 Bildern bei nativer 8K-Auflösung und dem großzügigen internen Speicher liefert der Hersteller ein überzeugendes Gesamtpaket ab.
Zwar verlangt das arg kompakte Display bei der Menüführung etwas Fingerspitzengefühl. Und die thermische Belastungsgrenze bei langen 8K Daueraufnahmen mahnt zu bedachtem Einsatz. Doch die exzellente Bilddynamik, die souveräne Lowlight-Performance und die direkte Einbindung drahtloser Funkmikrofone wiegen diese eher kleinen Schwächen im praktischen Alltag mehr als auf. Der Einstiegspreis von 589 Euro für die Einzelkamera und -regulär- 739 Euro für die empfehlenswerte Adventure Combo ist angesichts des Gebotenen fair kalkuliert. Für ambitionierte Sportler, technikbegeisterte Reisende und kreative Content Creator ist die Osmo 360 II kein flüchtiges Spielzeug, sondern ein erwachsenes, zuverlässiges Produktionswerkzeug für hochwertige Produktionen. Wer bereit ist, sich auf den etwas anspruchsvolleren Schnitt Workflow einzulassen, bekommt derzeit kaum ein vielseitigeres Werkzeug für immersive Perspektiven geboten.
DJI ist damit endgültig in der absoluten Spitzenklasse der Rundumkameras angekommen und setzt ein unübersehbares, wohlverdientes Ausrufezeichen an die Branche.
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