Immer mehr junge Menschen mit Depressionen wenden sich an Künstliche Intelligenz. Eine neue Befragung zeigt, wie weit verbreitet der Einsatz von Chatbots ist – und welche Risiken damit verbunden sind.
Junge Betroffene suchen Hilfe bei Chatbots
Weil Therapieplätze rar sind und es oft lange Wartezeiten gibt, nutzen viele junge Betroffene ChatGPT und andere Sprachmodelle als zusätzlichen Ansprechpartner. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention hat nun in einer großen Online-Befragung untersucht, wie häufig diese Angebote genutzt werden und welche Erfahrungen junge Menschen damit machen. Befragt wurden 2.500 Personen zwischen 16 und 39 Jahren, ein gutes Fünftel davon mit ärztlich diagnostizierter Depression.
Die Zahlen zeigen, wie stark KI-gestützte Chats bereits als eine Art Psycho-Coach etabliert sind: Unter den Befragten mit Depressionsdiagnose gaben 69 Prozent an, schon einmal mit einem Chatbot über psychische Probleme gesprochen zu haben. 35 Prozent haben dabei ausdrücklich ihre Depression thematisiert. Wer sich gerade in einer depressiven Phase befand, suchte noch häufiger den Rat der KI – teilweise in längeren Gesprächen, die eher an einen Austausch mit einem Menschen erinnern.
Die Stiftung verweist zugleich auf etablierte Hilfsangebote: Telefonseelsorge, das Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe, psychiatrische Kliniken, der Notruf 112 in akuten Krisen sowie ärztliche und psychotherapeutische Beratung gelten weiterhin als zentrale Anlaufstellen. Zusätzlich stellt die Stiftung ein kostenloses Online-Tool zur Unterstützung bereit.
Positive Effekte – aber auch bedenkliche Nebenwirkungen
Besonders auffällig ist laut Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, die überwiegend positive Bewertung der KI-Erfahrungen. 75 Prozent der Befragten mit Depressionsdiagnose fühlten sich durch die Gespräche gestärkt. 65 Prozent berichteten sogar von einem Gefühl der Nähe und Verbundenheit mit dem Chatbot. 79 Prozent beschrieben die Unterhaltungen als tiefgehend, obwohl sie mit einer Maschine kommunizierten.
Die 24-jährige Studentin Angelina nutzt ChatGPT schon länger begleitend zu ihrer laufenden Therapie. Für sie ist der Chatbot ein zusätzliches Hilfsmittel, vor allem, um Gedanken zu sortieren. Bei schwierigen Entscheidungen empfindet sie die Antworten der KI allerdings als wenig hilfreich. Sie sieht ein zentrales Risiko darin, das eigene Umfeld zu vernachlässigen. Ihrer Einschätzung nach sollte KI nur mit Bedacht eingesetzt werden, ohne Freund:innen und Familie zu ersetzen – auch wenn es Betroffenen gerade in der Depression schwerfällt, sich an ihr Umfeld zu wenden.
Hegerl warnt vor einem unkritischen Umgang. Manche Nutzer:innen könnten den Eindruck gewinnen, sie bräuchten keine medizinische Diagnose oder Behandlung mehr, wenn sie KI-Angebote nutzen. Angesichts der Schwere einer Depression bewertet er das kritisch und verweist auf leitlinienbasierte Behandlungen mit Antidepressiva und bestimmten Formen der Psychotherapie, deren Wirksamkeit belegt ist.
KI ohne Widerworte: Unterstützung oder gefährlicher Sog?
Trotz vieler positiver Rückmeldungen meldeten Befragte auch problematische Effekte. 53 Prozent berichteten, nach Kontakten mit der KI häufiger an Selbstverletzung oder Suizid gedacht zu haben. Gleichzeitig empfanden zwei Drittel der Personen, die bereits eine Psychotherapie machten, den Austausch mit der KI als genauso gut oder sogar besser als Gespräche mit ihren menschlichen Therapeut:innen.
Viele Befragte schilderten, dass die KI weniger Druck aufbaue als ein Mensch. Hegerl bewertet dieses Ergebnis zwiespältig. Bei Depressionen sei es zwar schädlich, wenn Behandelnde Druck erzeugen. Bei anderen psychischen Erkrankungen sei es jedoch notwendig, Verhaltensänderungen anzustoßen. Eine KI, die Nutzer:innen überwiegend bestätigt und kaum widerspricht, könne für solche Veränderungen ungeeignet sein.
In der Psychotherapie geht es etwa darum, Selbstüberforderung zu reduzieren und neue Verhaltensweisen einzuüben. Das kann sich für Patient:innen anstrengend anfühlen und Druck auslösen. KI-Chatbots machen es leichter, dauerhaft im eigenen Denken zu bleiben. Angelina warnt vor einer Sogwirkung: Man beginne ein Gespräch, schreibe immer weiter und verliere sich darin, ohne dass jemand stoppe oder eine Grenze markiere. Aus ihrer Sicht fehlt die Rückmeldung, wann es genug sei, wann Ablenkung oder eine positive Aktivität sinnvoll wären. Sie schätzt das Risiko hoch ein, sich in Grübeleien zu verfangen.
Hegerl fordert daher größere Studien, um Nutzen und Risiken von KI bei Depressionen besser einschätzen zu können. Aktuell gebe es noch zu wenig belastbare Daten. KI sei nicht geeignet, eine Diagnose zu stellen oder eine Behandlung zu ersetzen. Er empfiehlt, sich auf Verfahren zu verlassen, deren Wirksamkeit und Risiken gut untersucht sind.
Via: https://www.tagesschau.de
Titelbild KI (Zur Illustration)
