Künstliche Intelligenz könnte die Machtverhältnisse im E-Commerce grundlegend verschieben. Ein Rechtsstreit zwischen Amazon und dem KI-Unternehmen Perplexity zeigt, wie bedrohlich smarte Browser für Plattformen sein können.
Was steckt hinter dem „DoorDash-Problem“?
Unter dem „DoorDash-Problem“ versteht man das Phänomen, dass KI-Agenten künftig als Mittler zwischen Dienstleistungsanbietern und Nutzenden auftreten. Statt klassische Apps oder Webseiten zu nutzen, greifen Verbraucher:innen dann auf eine KI zurück, um etwa ihr Sandwich oder ein Taxi zu bestellen. Für Dienste wie DoorDash, Uber oder Airbnb birgt das erhebliche Risiken: Loyalty-Programme, Werbeeinblendungen oder Up-Selling funktionieren mit KI nicht, Zusatzgeschäfte und direkte Kundenbindungen verlieren an Bedeutung. Die Anbieter werden dadurch leicht austauschbar und konkurrieren letztlich nur noch über den Preis.
Das Prinzip betrifft längst nicht nur Food-Delivery-Anbieter wie DoorDash, sondern auch alle Plattformen, die im App-Zeitalter groß wurden. Das Grundproblem: Wer „besitzt“ die Kundschaft, wenn eine KI als Vermittlungsinstanz agiert?
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Mehr InformationenAmazon gegen Perplexity: Der erste große Konflikt
Während viele Plattformen bislang abwartend bis gelassen auf die KI-Entwicklung blicken, ergreift Amazon jetzt die Offensive. Das Unternehmen hat Perplexity verklagt, deren Browser „Comet“ verwendet eine KI, die automatisiert auf Amazon.com einkauft. Dies verstoße gegen Amazons Nutzungsbedingungen. Laut Klageschrift umgeht Perplexity gezielt technische Schutzmaßnahmen und tarnt die KI als menschliche Nutzer:innen. Amazon beruft sich dabei unter anderem auf das amerikanische Gesetz gegen Computerbetrug und fordert, dass KI-Browser fremde Dienste nur mit ausdrücklicher Zustimmung einbinden dürfen.
Perplexity hingegen verteidigt sich offensiv: KI-gestützte Nutzeragent:innen arbeiteten ausschließlich im Auftrag der Nutzenden und hätten damit dieselben Rechte wie diese. Das Unternehmen sieht in Amazons Klage eine Innovationsbremse und meint, agentisches Einkaufen sei die logische Evolution des Onlinehandels.
Größere Auswirkungen für die Internetwirtschaft?
Für Amazon steht mehr auf dem Spiel als für viele andere Plattformen. Das Unternehmen generiert Milliardenumsätze allein mit Werbung – 2025 werden mehr als 60 Milliarden US-Dollar (rund 55 Milliarden Euro) erwartet. Werbeanzeigen wirken nur, wenn Menschen sie sehen. Übernimmt eine KI den Einkauf, entfallen diese Erlöse genauso wie die Vorteile des Aboprogramms Prime. Amazon entwickelt bereits selbst eigene KI-Shopping-Assistenten, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch die Gefahr bleibt: Künstliche Intelligenz könnte die Plattform zu einem beliebigen Anbieter unter vielen degradieren, der kaum noch direkten Zugang zu seinen Kund:innen hat.
Auch andere Anbieter reagieren auf das Problem unterschiedlich. Einige, wie Zocdoc oder Taskrabbit, sehen sich durch lokale Service-Kompetenz oder spezifische Netzwerke ausreichend geschützt. Uber und Airbnb betonen ihre starke Markenbindung, stellen aber auch fest, dass sich das Geschäft erst dann lohnt, wenn die KI-Kooperation für beide Seiten ökonomisch sinnvoll ist. Amazon aber scheint seine marktbeherrschende Stellung im Onlinehandel durch fremdgesteuerte KI-Agenten ernsthaft bedroht zu sehen.
Fazit: Neuer Kampf um die Macht zwischen Plattformen und KI-Agent:innen
Der Streit zwischen Amazon und Perplexity markiert den Beginn eines Grundsatzkampfes: Wer kontrolliert die Kund:innenbeziehung, und wie werden Plattformen monetarisiert, wenn KI die Schnittstelle zum Menschen bildet? Klar ist: Die Digitalisierung des Handels geht mit KI in eine neue Runde, und die rechtlichen wie wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind noch völlig ungeklärt. Wie sich das DoorDash-Problem weiterentwickelt, wird entscheidenden Einfluss darauf haben, wie Ihr künftig im Netz einkauft und Dienstleistungen nutzt.
Titelbild: KI (Zur Illustration)