Apple bereitet sich leise, aber sichtbar auf die Zeit nach Tim Cook vor. Im Zentrum steht dabei Hardware-Chef John Ternus, der intern als aussichtsreichster Kandidat für den Chefposten gilt.
Aufstieg eines Hardware-Ingenieurs
John Ternus ist seit 2021 Senior Vice President für Hardware-Entwicklung und hat sich in den vergangenen Jahren zur Schlüsselfigur im Produktbereich entwickelt. Er arbeitet seit vielen Jahren bei Apple, begann mit Monitoren, verantwortete das physische Design des ersten iPad und übernahm später die Führung bei der Mac-Entwicklung. Laut einem ausführlichen Porträt von Bloomberg Businessweek gilt er inzwischen als führender Kandidat für die Nachfolge von Tim Cook, der das Unternehmen seit 2011 führt.
Mit 50 Jahren ist Ternus deutlich jünger als viele andere Führungskräfte bei Apple, was ihm aus Sicht des Aufsichtsrats einen längeren möglichen Zeithorizont im Top-Posten verschafft. Tim Cook hat mehrfach betont, dass er eine interne Nachfolge aufbauen möchte, und Ternus passt in dieses Bild. In der Führungsetage soll er gut angesehen sein, zudem wird ihm zugeschrieben, die Qualität der Apple-Produkte nach einer kritisierten Schwächephase wieder verbessert zu haben, etwa durch Fokus auf Akkulaufzeit, Leistung und Konnektivität.
Mehr Verantwortung, mehr Öffentlichkeit
In den vergangenen Monaten ist der Einflussbereich von Ternus deutlich gewachsen. Ende des vergangenen Jahres übertrug Cook ihm die Verantwortung für das gesamte Design-Team und stärkte damit die Verbindung zwischen Entwicklung und Gestaltung. Zudem übernahm er die Leitung einer geheimen Robotik-Abteilung, die an einem Tischgerät mit motorisiertem Bildschirm arbeitet.
Parallel dazu rückt Apple Ternus stärker in die Öffentlichkeit. Beim jüngsten MacBook-Neo-Event in New York führte er durch die Präsentation und gab anschließend ein Einzelinterview in der US-Morningshow „Good Morning America“, Aufgaben, die sonst häufig Cook übernimmt. Auch bei der Einführung von iPhone Air und iPhone 17 trat er als Gesicht der Produkte auf. Kolleg:innen beschreiben ihn als pragmatischen, detailorientierten Ingenieur, der sein Team befähigt und dessen Führungsstil dem von Cook ähnelt. Seine enge Zusammenarbeit mit Software-Chef Craig Federighi soll geholfen haben, frühere Konflikte zwischen Hardware- und Software-Bereichen zu beenden – entscheidend für den Wechsel des Mac auf Apple-eigene Chips.
Kritikpunkte und kommende Bewährungsproben
Ternus gilt als vorsichtig und risikoscheu, was sich etwa in seiner Ablehnung des eingestellten Autoprojekts und seiner Skepsis gegenüber dem Vision Pro zeigte. Diese Haltung bewahrte Apple aus seiner Sicht vor übermäßiger Bindung von Entwicklungsressourcen. Gleichzeitig ist er mit umstrittenen Entscheidungen verbunden, darunter die Touch Bar und die vielfach kritisierte Butterfly-Tastatur. Vor dem Start des Vision Pro geriet sein Managementstil zudem in die Kritik: Nachdem auffiel, dass die damaligen AirPods Pro eine für besonders latenzarmes Audio nötige Funkfrequenz nicht unterstützten, musste Apple kurzfristig eine überarbeitete Hardware-Version nachschieben. Frühe Käufer:innen des Vision Pro mussten rund 250 US-Dollar (ca. 230 Euro) für kompatible Ohrhörer ausgeben. Laut Bericht suchte Ternus zunächst eine verantwortliche Person und entfremdete damit Teile des Teams, was zur Versetzung einer leitenden AirPods-Managerin führte.
Die nächste große Bewährungsprobe wird die Künstliche Intelligenz. Der umfassende Siri-Neustart liegt demnach so weit hinter dem Zeitplan, dass Apple voraussichtlich auf Technologie von Google angewiesen sein wird. Um aufzuholen, treibt Ternus neue Hardware-Plattformen voran, darunter kamerabestückte smarte Brillen und AirPods mit Computer-Vision-Funktionen, ein großes faltbares iPad und ein nahezu randloses iPhone, das für 2027 geplant ist.
Die Nachfolgefrage ist dennoch offen. Neben Ternus gilt auch Betriebschef Sabih Khan mit seiner operativen Erfahrung als Kandidat. Tim Cook hat seinen Rücktrittszeitpunkt bislang nicht benannt und arbeitet weiterhin die meiste Zeit in Cupertino. Beobachtende rechnen damit, dass er im Fall eines Wechsels in eine Rolle als Vorsitzender des Aufsichtsgremiums wechseln könnte, um Apples politische Beziehungen zu pflegen.
