Ausprobiert

Apple Watch Ultra 4: Drei Tage Ausdauer – in Europa viel Leerlauf

Mehr als drei Tage Akkulaufzeit in meinem ausprobiert Test der Apple Watch Ultra 4 machen den größten Unterschied im Alltag – mehr als viele der neuen Funktionen. In der EU fehlen wichtige KI- und Audio-Features.

Die Apple Watch Ultra 4 ist keine neue Uhr, nur eine gezielte Überarbeitung. Das klingt nach der üblichen Produktpflege, ist in diesem Fall aber nicht ganz fair: Der deutlich längere Akku verändert den Alltag tatsächlich. Viele der übrigen Neuerungen bleiben in der EU dagegen ungewisse Zukunftsmusik oder wirken wie Software, die Apple erst spät in eine bereits gut gefüllten Schublade gelegt hat.

Ausgepackt

Die Apple Watch Ultra 4 kommt weiterhin in der bekannten Sonderverpackung, die mehr Expedition als Smartwatch suggeriert. Das ist nicht neu, funktioniert aber: Die breite Schachtel, das sorgfältig getrennte Armband und das geflochtene Ladekabel vermitteln , dass Apple die Ultra oberhalb der normalen Apple Watch Series einsortiert. Ob man sie deshalb automatisch für ein Gerät hält, das regelmäßig an Steilwänden, auf Segelbooten oder in alpinen Gewittern eingesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Das Gehäuse selbst bleibt unverändert. 49 Millimeter Titan, flaches Saphirglas, Digital Crown mit Schutzwulst, Seitentaste und die orangefarbene Aktionstaste links. Die Ultra 4 ist in Natur Titan und Schwarz erhältlich; neue Farben bei den Armbändern schaffen optische Abwechslung, die dem Gehäuse fehlt. Wer eine Ultra 2 oder Ultra 3 besitzt, muss die Uhr umdrehen, um die wichtigste sichtbare Änderung zu entdecken: Das Sensorsystem auf der Rückseite wurde komplett neu gestaltet.

Das ist konsequent, aber wenig aufregend. Als 2022 die erste Apple Watch Ultra erschien, war das anders. Damals war die Ultra sichtbar ein Gegenentwurf zur Series Watch: größer, kantiger, robuster, mit zusätzlicher Taste, besserem GPS und einem Akku, der zumindest zwei Tage Ausdauer realistischer erscheinen ließ. Die Ultra 4 trägt weiterhin dieses Design, ohne es weiterzuentwickeln. Sie wirkt nicht alt, aber nicht mehr frisch. Vier Generationen später hätte man zumindest eine zweite Größe oder ein etwas schlankeres Gehäuse erwarten dürfen. Gerade an schmalen Handgelenken bleibt sie eine recht drastische Ansage.

Die Daten

Im Inneren arbeitet nun der S11 Chip, dazu kommen 4 GB Arbeitsspeicher und ein neues Gesundheits-Erfassungssystem. Apple hat die Elektrodenfläche, Fotodioden und grünen LEDs angepasst. Der Puls wird nun nicht nur beim Training, sondern auch im Hintergrund alle fünf Sekunden erfasst. Die Herzfrequenzvariabilität soll deutlich häufiger einfließen. Das klingt nach einer technischen Detailverbesserung, ist aber die Grundlage für die interessanteste neue Funktion: die Tagesform.

Die Tagesform verdichtet Schlaf, Trainingsbelastung, Vitaldaten und Erholung zu einer Bewertung von null bis zehn. Sie soll nicht nur morgens erscheinen, sondern sich während des Tages ändern. Wer schlecht geschlafen hat, soll eine zurückhaltende Empfehlung bekommen; wer erholt ist, darf sich eher belasten. Apple schließt damit zu Garmin, Fitbit, Oura und Whoop auf. Der Unterschied liegt weniger in der Idee als in der Umsetzung: Apple integriert die Daten in die bestehende Gesundheits- und Trainingswelt, statt ein weiteres Abo um die Handgelenke seiner Nutzer zu legen.

Allerdings braucht die Funktion mehrere Nächte mit ausreichenden Schlafdaten, bevor sie sinnvoll arbeitet. Außerdem gilt wie bei allen Gesundheitsmetriken: Der Trend ist hilfreicher als die einzelne Zahl. Eine Uhr kann erkennen, dass sich Belastung, Schlaf und Herzfrequenz verändern. Sie weiß aber nicht zwingend, ob der schlechte Wert vom Intervalltraining, einem Infekt, einem Glas Wein zu viel oder einem Kleinkind mit nächtlichem Redebedarf kommt.

Ergänzt wird das System durch häufiger gemessene HRV-Werte, eine live aktualisierte Schrittanzeige und neue Ansichten für Tagesvitalwerte. Das ist im Alltag nützlicher als eine weitere Rekordzahl auf einem Datenblatt. Wer die Ultra vor allem zum Laufen, Radfahren oder Wandern nutzt, erhält häufiger Messpunkte und damit mehr Material für belastbare Trends. Bei Krafttraining, schnellen Belastungswechseln oder sehr locker sitzendem Band bleiben optische Sensoren trotzdem anfällig. Auch die Ultra 4 ersetzt keinen Brustgurt, wenn es auf Trainingssteuerung mit möglichst präzisen Spitzenwerten ankommt.

Im Alltag

Der eigentliche Grund, die Ultra 4 in Europa zu kaufen, steckt nicht im Sensorfeld, nicht im S11 und auch nicht in den neuen Armbändern. Er steckt im Akku. Apple verspricht bis zu 50 Stunden bei normaler Nutzung, bis zu 84 Stunden im Stromsparmodus und längere Trainingsaufzeichnungen mit GPS. In meinem Alltag sind mehr als drei Tage mit einer Ladung erreichbar, wenn ich nicht jeden Tag stundenlang GPS-Training, Mobilfunk und Musikstreaming gleichzeitig nutze. Konkret: 75 Stunden! Mit Schlaftracking, Benachrichtigungen, Alltagsbewegung und mehreren Trainings bleibt die Uhr lange genug am Handgelenk, dass Laden wieder zur Ausnahme zwischen drei Tagen wird.

Das ist -fast- das einzige Kaufkriterium, das in der EU heute wirklich Gewicht hat. Nicht, weil die anderen Neuerungen schlecht wären. Sondern weil ein erheblicher Teil der angekündigten Intelligenz hier schlicht fehlt. Die neuen Audio Intelligence-Funktionen, darunter Live Rewind und Siri Recap, stehen zunächst nur eingeschränkt, nur auf Englisch und nur außerhalb der EU zur Verfügung. Live Rewind soll die letzten 15 Sekunden einer Unterhaltung als Text zusammenfassen. Siri Recap soll Gesprächsinhalte über den Tag hinweg ordnen und verdichten. Apple betont lokale Verarbeitung

, eine Secure Enclave und das Löschen der Rohdaten. Das mildert keine Datenschutzbedenken und ist ohne Zustimmung Dritter schlicht illegal. Es beseitigt auch nicht das zwischenmenschliche Problem einer Uhr, die ihre Umgebung akustisch auswertet.

Nichts Neues in Europa

In Europa ist die Diskussion vorerst theoretisch. Das macht die Sache nicht besser, sondern ernüchternder: Wer die Ultra 4 hier kauft, bezahlt für Hardware, deren angekündigte Kernfunktionen nicht verfügbar sind. Auch weitergehende KI-gestützte Gesundheitszusammenfassungen und viele Siri-Funktionen bleiben regional oder sprachlich verwehrt. Das hebt den Zusatznutzen gegenüber der Ultra 1 bis 3 weitestgehend auf. Der neue Prozessor mag langfristig wichtig werden, doch später vielleicht ist keine Funktion, die ich heute am Handgelenk ablesen kann.

Die Uhr bleibt trotzdem eine sehr gute Apple Watch. Die Aktionstaste ist beim Training mit nassen oder verschwitzten Händen weiterhin praktischer als das Herumtippen auf einem kleinen Display. Die Lautsprecher, Mobilfunkoption, Navigation, Sicherheitsfunktionen und die tiefe iPhone Integration machen sie zur vielseitigsten Apple Watch. Aber als spezialisierte Sportuhr bleibt sie ein Kompromiss: Für Ultraläufe, mehrtägige Touren und ambitionierte Trainingsplanung bieten Garmin, Coros oder Polar zumeist längere Laufzeiten, mehr physische Tasten und spezialisiertere Analysen. Die Ultra 4 ist eine Smartwatch mit Outdoor Ambitionen, keine Sportuhr, die zufällig auch Nachrichten anzeigen kann.

Mehr Ausdauer statt mehr Abenteuer

Der Vergleich mit der ersten Apple Watch Ultra fällt deutlich aus. Mein ursprünglicher ausprobiert Test 2022 beschrieb ein neues Produktsegment: eine Apple Watch mit sichtbarem Sonderstatus, robustem Gehäuse, Aktionstaste, präziserer Ortung und einem Akku, der selbst nach einem Tag intensiver Einrichtung noch Reserven hatte. Der Mehrwert lag damals im Konzept. Die Ultra war nicht für alle gedacht, aber sie war erkennbar anders.

Die Ultra 4 dagegen ist die reife Version dieses Konzepts. Sie verändert nicht die Grundidee , sondern verfeinert sie dort, wo sie im Alltag am meisten zählt: beim Durchhalten. Die 36 Stunden der Ultra von 2022 waren ein Fortschritt gegenüber den Series Watches. Die heute möglichen -mehr als- drei Tage verändern aber die Beziehung zur Uhr. Schlaftracking wird nicht mehr durch das tägliche Ladefenster unterbrochen. Ein Wochenende lässt sich ohne Ladepuck planen. Und wer die Uhr für Bewegung, Nachrichten und Navigation trägt, muss nicht jeden Abend überlegen, ob die Batterie bis zum Morgen reicht. Erstaunlich, wie luxuriös das Wegfallen eines Lade-Rituals sein kann.

Gleichzeitig ist die Ultra 4 kein Pflicht Upgrade. Besitzer einer Ultra 3 erhalten dasselbe Gehäuse, dasselbe Display, dieselbe Bedienung und dieselbe Outdoor Funktionalität. Die bessere Pulserfassung und die Tagesform sind sinnvoll, aber kein Grund für einen Austausch. Bei einer Ultra 2 wird die Betrachtung interessanter: längere Laufzeit, schnelleres Laden, neuer Sensor, moderner Chip und künftige Funktionsreserven ergeben ein sinnvolleres Update. Von der ersten Ultra aus gesehen ist der Sprung deutlicher, auch wenn das alte Modell äußerlich nicht gealtert wirkt.

Fazit

Die Apple Watch Ultra 4 ist in Europa eine bessere Apple Watch Ultra, aber keine andere. Ihre stärksten Argumente sind die Ausdauer, die überarbeiteten Gesundheitsdaten und die weiterhin stimmige Verbindung aus Smartwatch und Trainingsbegleiter. Mehr als drei Tage Akkulaufzeit sind nicht spektakulär, aber im täglichen Gebrauch spürbar. Genau deshalb sind sie wichtiger als viele der angekündigten KI-Funktionen.

Die Kehrseite ist unangenehm klar: Audio Intelligence, Live Rewind, Siri Recap und Teile des KI-Versprechens fehlen in der EU oder stehen nur sehr eingeschränkt bereit. Damit verliert die Ultra 4 einen großen Teil ihres theoretischen Zusatznutzens. Wer bereits eine Ultra 3 besitzt, kann sehr entspannt bleiben. Die Uhr am Handgelenk wird nicht schlechter, nur weil die neue Generation ihre Gespräche irgendwann zusammenfassen können soll – andernorts jedenfalls.

Für Besitzer der ersten Apple Watch Ultra, für Nutzer einer Series Watch mit Akku-Frust und für alle, die Schlaftracking ernsthaft verwenden wollen, ist die Ultra 4 dennoch die sinnvollste Apple Watch. Sie bleibt groß, schwer und optisch unverändert. Sie kann weiterhin so aussehen, als wolle sie gleich eine Bergrettung koordinieren, während sie in Wahrheit den Weg zum Supermarkt aufzeichnet. Aber sie hält jetzt lange genug durch, um diese Übertreibung mit bemerkenswerter Gelassenheit zu tragen.

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Andreas Vogel

Autor Apfeltalk

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