In den vergangenen 18 Monaten sind die Preise für Arbeitsspeicher explodiert und sollen bis Jahresende weiter steigen. Was Jahrzehnte lang günstiger wurde, ist plötzlich ein Luxusgut.
Arbeitsspeicher, auf Englisch Random Access Memory (RAM), ist ein zentrales Bauteil jedes Computers. Er sorgt dafür, dass Daten schnell genug zur CPU gelangen, damit diese effizient arbeiten kann. Die CPU erhält ihre Informationen zwar von der Festplatte oder SSD, doch diese sind deutlich zu langsam, um den Prozessor direkt zu versorgen. RAM sitzt dazwischen, lädt Daten aus dem Speicher und hält sie bereit. Je mehr RAM Euch zur Verfügung steht, desto mehr Daten können gleichzeitig im schnellen Zugriff liegen. Wenn ein PC träge reagiert, hilft oft mehr RAM stärker als ein schnellerer Prozessor – zumindest galt das, bevor die aktuelle Preisspirale einsetzte.
Den Großteil des weltweiten RAM produzieren drei Unternehmen: Samsung, SK Hynix und Micron. Sie betreiben milliardenteure Fabriken, in denen hochpräzise gefertigt wird. Im Alltag meint „RAM“ in der Regel DRAM, das in PCs, Smartphones und anderen Geräten steckt. Für Notebooks und Desktops wird meist DDR (Double Data Rate) genutzt, für mobile Geräte stromsparendes LPDDR (Low Power DDR).
Daneben gibt es HBM (High Bandwidth Memory), entwickelt für Hochleistungsrechenzentren. HBM ist deutlich schneller als herkömmliches DDR und bringt erheblich mehr Speicherkapazität auf engem Raum unter. Deshalb kommt HBM vor allem in Rechenzentren und beim Training von KI-Modellen zum Einsatz. DRAM und HBM lassen sich nicht austauschen, basieren aber auf denselben Silizium-Wafern. HBM verschlingt jedoch deutlich mehr Ressourcen: Micron-Chef Sanjay Mehrotra erklärte 2024, dass eine HBM-Einheit ungefähr das Dreifache der Wafermenge eines DDR5-Moduls benötigt. Jede HBM-Einheit blockiert also die Kapazität für drei klassische DRAM-Module.
Die Preiskurven des Produktverzeichnisses PCPartPicker für die letzten 18 Monate fallen deutlich aus. Ein 32-GB-Kit aus zwei 16-GB-DDR5‑4800‑Riegeln kostete Anfang 2025 weniger als 100 US‑Dollar (rund 92 Euro), heute sind es über 400 US‑Dollar (rund 368 Euro). 32 GB DDR5‑6000 im High-End-Segment stiegen von knapp 250 US‑Dollar (rund 230 Euro) auf mehr als 1.200 US‑Dollar (rund 1.105 Euro) – in etwa so viel wie ein komplettes MacBook Air.
Die Ursache ist knapp zusammengefasst: Künstliche Intelligenz. KI-Unternehmen, gut gefüllt mit Investorengeld, haben praktisch die gesamte verfügbare RAM-Produktion aufgekauft. Über Jahre hinweg war der Markt berechenbar: Die Hersteller wussten, wie viele PCs und Smartphones jährlich verkauft werden und wie die Upgrade-Zyklen aussehen. Selbst neue Anforderungen, etwa durch ein Windows mit höheren Mindestanforderungen, ließen sich planen. Auch der Aufbau von Cloud-Rechenzentren konnte die Branche bislang abfedern.
Das aktuelle KI-Rennen hat diese Planbarkeit zerstört. Unternehmen wie OpenAI wurden mit Milliarden ausgestattet, um so viel Rechenleistung wie möglich aufzubauen und Konkurrent:innen zu übertreffen. Sie sichern sich ganze Jahresproduktionen im Voraus. Laut DigiTimes soll die komplette RAM-Kapazität für 2027 bereits verkauft sein.
Wie stark einzelne Projekte wirken, zeigt das Colossus-Rechenzentrum von xAI in Memphis. Laut Infrastrukturunternehmen Introl sind dort 555.000 NVIDIA-Grafikprozessoren im Wert von 18 Milliarden US‑Dollar (rund 16,6 Milliarden Euro) im Einsatz. Verbaut sind NVIDIA Grace Blackwell 200 (520.000 Stück, jeweils bis zu 192 GB RAM), Grace Blackwell 300 (30.000 Stück, bis zu 288 GB RAM) sowie H100/H200 Tensor Core (30.000 Stück, 80/94 GB bzw. 141 GB RAM). Bei Vollbestückung könnte allein dieses Rechenzentrum bis zu 112.005.000 GB RAM nutzen. Diese Module passen zwar nicht direkt in Eure Geräte, basieren aber auf denselben Ressourcen. Das entspräche grob dem Arbeitsspeicher von 14.000.625 iPhone 17 oder 9.333.750 Galaxy S26. Laut Bloomberg sind derzeit 831 solcher Rechenzentren im Bau.
Ein weiteres Beispiel ist der Deal zwischen OpenAI und AMD aus Oktober 2025. Beide Unternehmen wollen 6 Gigawatt KI-Rechenzentren aufbauen, beginnend mit einem 1-Gigawatt-Standort mit Instinct-MI450-GPUs. Diese GPUs können jeweils bis zu 432 GB RAM nutzen. Nimmt man rund 450.000 GPUs pro Gigawatt an, könnte dieser erste Standort allein bis zu 194.400.000 GB RAM verschlingen, umgerechnet etwa 24,3 Millionen iPhone‑17‑Einheiten – und das ist nur ein Sechstel des Gesamtprojekts.
Ob und wann die Preise fallen, ist derzeit offen. Sollte die KI-Blase früh platzen, könnte RAM deutlich günstiger werden. Ohne einen solchen Bruch rechnen die Hersteller aber mit anhaltend knapper Versorgung. SK-Hynix-Chef Kwak Noh-jung sagte gegenüber Reuters, dass sich die Lage 2027 eher verschlechtern werde. Wenn der DigiTimes-Bericht stimmt, ist jede RAM-Einheit für dieses Jahr bereits verplant. Er erwartet zudem, dass die Nachfrage bis weit über 2030 hinaus das Angebot übersteigen wird. Micron-Chef Sanjay Mehrotra sprach im Juni gegenüber Investor:innen von „engen Bedingungen“ bis mindestens 2027/2028. Die Beratung Deloitte sieht frühestens 2030 Entspannung.
Warum bauen Micron, Samsung und SK Hynix nicht einfach mehr Fabriken? Ein neues Werk kostet Milliarden, erfordert extrem saubere Reinräume und jahrelange Vorbereitung. In Boise, Idaho, betreibt Micron etwa einen Reinraum der Klasse 1 mit höchstens einem Staubpartikel pro Kubikfuß Luft. SK Hynix plant zwei neue Speicherfabriken in Südkorea für zusammen 38,1 Milliarden US‑Dollar (rund 35,1 Milliarden Euro), mit Produktionsstart frühestens im Juni 2029.
Hinzu kommt, dass die Hersteller vom aktuellen Markt profitieren. HBM ist deutlich profitabler als klassisches DRAM, und große KI-Kund:innen zahlen hohe Preise für begrenzte Kontingente. Ende 2025 stellte Micron seine Endkund:innen-Marke Crucial ein, um sich stärker auf HBM und große, strategische Abnehmer zu konzentrieren. Im Juni meldete Micron einen Quartalsumsatz von 28,86 Milliarden US‑Dollar (rund 26,6 Milliarden Euro) und eine Bruttomarge von 84,9 Prozent. SK Hynix verzeichnete im Juli einen operativen Gewinn, der sich im Jahresvergleich um 557 Prozent erhöhte, und sprach von Rekorderlösen. Samsung berichtete ebenfalls von Höchstwerten bei Umsatz und Gewinn in der Speicher-Sparte. Laut Wall Street Journal soll Micron die US-Regierung dazu gedrängt haben, Kund:innen von der Beschaffung bei alternativen Anbietern abzuhalten.
Solltet Ihr jetzt Arbeitsspeicher horten oder besser abwarten? Panikkäufe verschärfen Engpässe eher. Wenn Ihr RAM aus einem konkreten, längerfristigen Bedarf heraus benötigt, kann ein Kauf jetzt sinnvoll sein, auch wenn die Preise bereits stark gestiegen sind. Habt Ihr keinen akuten Bedarf, lohnt es sich, mit dem vorhandenen Speicher auszukommen und auf eine mögliche Entspannung oder ein wachsendes Angebot an gebrauchtem RAM zu hoffen. Als Spekulationsobjekt solltet Ihr RAM nicht kaufen.
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