Qualcomm positioniert sich mit einem neuen Chip und einer Baukasten-Plattform als Treiber für KI-Brillen und Mixed-Reality-Headsets. Das Unternehmen zielt klar auf eine Zeit nach dem Smartphone.
Der Snapdragon Reality Elite ist Qualcomms neue Spitzenplattform für erweiterte und gemischte Realität und löst den bisherigen XR2+ Gen 2 als High-End-Chip ab. Der Prozessor ist für zwei Geräteklassen ausgelegt. Eigenständige Video-Durchsicht-Headsets, die digitale Inhalte auf eine Kameransicht der realen Welt legen, und leichte, kabelgebundene optische Durchsicht-Brillen mit direkt ins Sichtfeld eingeblendeten Inhalten. Er kann mit separaten Recheneinheiten („Compute Pucks“) verbunden werden, wie sie etwa bei XREALs Android-XR-Brille Aura zum Einsatz kommen.
Laut Qualcomm bietet der Chip bis zu 60 Prozent mehr Grafikleistung. Bis zu 30 Prozent mehr CPU-Leistung und bis zu 160 Prozent höhere NPU-Leistung im Vergleich zum XR2+ Gen 2. Die neuronale Recheneinheit erreicht 48 Billionen Operationen pro Sekunde und kann damit laut Hersteller ein Sprachmodell mit drei Milliarden Parametern mit 45 Token pro Sekunde direkt auf dem Gerät ausführen. Gleichzeitig soll Reality Elite bis zu 20 Prozent längere Laufzeiten ermöglichen und unter gleicher Last bis zu 12 Grad Celsius kühler bleiben.
Beim Display unterstützt der Chip eine Auflösung von 4,4K pro Auge bei 90 Bildern pro Sekunde, inklusive hardwarebeschleunigtem Raytracing. Qualcomm spricht zudem von einem um 10 Prozent reduzierten „Photon-zu-Photon“-Verzug. Also der Zeit vom Erfassen eines Bildes bis zur Darstellung vor den Augen. Bis zu zwölf Kameras werden unterstützt, was insbesondere größeren XR-Headsets zugutekommt. Verbesserungen bei Kopf- und Handtracking sowie der Durchsicht-Darstellung sollen Bewegungsübelkeit und Augenbelastung verringern.
Zu den ersten angekündigten Geräten mit Snapdragon Reality Elite gehören XREALs Aura-Brille und ein noch nicht näher beschriebenes Headset des Herstellers Play for Dream. Preise und konkrete Termine für Endkund:innen hat Qualcomm bisher nicht genannt. Der Chip unterstützt aktuelle Funkstandards wie WLAN 7 und Bluetooth 6, um cloudbasierte KI-Dienste zu ergänzen, wenn lokale Modelle nicht ausreichen.
Parallel zum Reality Elite hat Qualcomm mit START („Scalable Turnkey AI-Ready Toolkit“) eine Plattform für Marken vorgestellt, die ohne eigene Chip-Entwicklung smarte KI-Brillen anbieten wollen. START bündelt ein Hardware-Modul auf Basis des AR1+-Chips mit einer Software-Plattform, zugehörigen iOS- und Android-Apps, einer KI-Cloud-Lösung und mehreren White-Label-Referenzdesigns. Diese decken Audio- und Kamera-Brillen ähnlich den Ray-Ban-Smartglasses von Meta, Varianten mit einseitigem Display und Brillen mit beidseitigen Displays ab.
Hersteller:innen können diese Entwürfe direkt übernehmen oder anpassen und so eigene Produkte unter eigenem Markennamen in den Handel bringen. Qualcomm arbeitet dafür mit Komponentenlieferanten und Brillenherstellern zusammen. Erster Partner ist der britische Konzern Inspecs, Lizenzinhaber unter anderem der Marken O’Neill, Barbour und Superdry. Qualcomm hat zudem 10 Millionen US-Dollar in Inspecs investiert und 7,5 Millionen neue Aktien zu je 1 Pfund gezeichnet, um sich auch finanziell in der Lieferkette zu positionieren.
Die Idee dahinter. Klassische Brillenmarken verfügen über Designkompetenz, Vertriebsnetz und das Vertrauen der Kund:innen. Es fehlt ihnen aber an eigener Chip-Architektur, KI-Software und Sensorintegration. START soll diese Lücke schließen und ähnelt früheren Referenzdesign-Programmen von Qualcomm aus der Smartphone-Ära. Die Plattform soll künftig auch andere Formfaktoren jenseits von Brillen unterstützen, konkrete Kategorien nennt das Unternehmen noch nicht.
Qualcomm-Chef Cristiano Amon spricht von mehr als 40 KI-Wearable-Designs in Entwicklung, darunter Schmuck, Ohrhörer mit Kamera, Ansteck-Pins und Uhren. Gemeinsamer Nenner sei, dass es sich um ständig getragene Geräte handele, die die Umgebung wahrnehmen können. Qualcomm setzt darauf, dass der Markt für smarte Brillen und andere KI-Wearables ähnlich fragmentiert wie der Smartphone-Markt wird und viele Hersteller auf gemeinsame Plattformen zurückgreifen.
Der Wettbewerb ist bereits intensiv. Meta soll mehr als sieben Millionen Ray-Ban-Smartglasses verkauft haben und dominiert mit einem Marktanteil von rund 82 Prozent. Die Jahresproduktion soll bis Ende 2026 auf zehn Millionen Stück steigen. Snap hat seine AR-Brille Specs für 2.195 US-Dollar (rund 2.040 Euro) vorgestellt. Apple testet laut Berichten verschiedene Brillengestelle für einen möglichen Start im Jahr 2027. Google bringt im Herbst gemeinsam mit Samsung, Warby Parker und Gentle Monster Android-XR-Audiobrillen auf den Markt. Viele dieser Geräte nutzen bereits Qualcomm-Chips, mit Reality Elite und START will der Konzern nun aber stärker den gesamten Technologiestapel vorgeben.
Viele Leistungsangaben stammen bislang ausschließlich von Qualcomm, unabhängige Benchmarks liegen noch nicht vor. Auch die mehr als 40 genannten KI-Wearables befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien und sind noch keine verfügbare Produktpalette. Ob der Markt für KI-Brillen und Mixed-Reality-Headsets groß genug wird, um diese Investitionen zu tragen, hängt von einer breiten Nutzerakzeptanz ab, die bisher vor allem im Ökosystem von Meta und einigen Entwickler:innen-Geräten sichtbar ist.
Via: thenextweb.com · gizmodo.com · www.engadget.com
Bild Qualcomm
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