Google positioniert Gemini Intelligence nur einen Monat vor Apples großer Apple-Intelligence-Bühne auf der WWDC. Doch offene Fragen lassen Zweifel an beiden KI-Offensiven zurück.
Während Google konkrete Funktionen zeigt, wartet Ihr als iPhone‑Nutzer:innen weiter auf viele der bereits 2024 angekündigten Apple-Intelligence-Features.
Gemini Intelligence: fünf KI-Bausteine für Android
Google hat Gemini Intelligence am 12. Mai 2026 in einem Livestream vorgestellt, nur wenige Wochen vor der WWDC 2026, die am 8. Juni startet. Die Nähe der Termine wirkt kaum zufällig, zumal die Parallelen zu Apple Intelligence deutlich sind.
Präsentiert wurde Gemini Intelligence in der Sendung „Die Android‑Show“, wenig überraschend anhand der hauseigenen Pixel‑Smartphones. Sie sind Googles Antwort auf das iPhone und geben dem Konzern mehr Kontrolle über Hard- und Software.
Im Kern besteht Gemini Intelligence aus fünf Funktionen, die mithilfe von KI die Smartphone‑Nutzung verändern sollen – von eher alltäglichen Aufgaben bis hin zu futuristisch wirkenden Automatisierungen. Auf der pragmatischen Seite steht die Websuche: Chrome soll Inhalte aus verschiedenen Quellen zusammenfassen und vergleichen, während eine automatische Surf‑Funktion Termine bucht oder ähnliche Routineaufgaben übernimmt.
Android soll außerdem Formulare abnehmen. Über die „Persönliche Intelligenz“ von Gemini füllt das System Textfelder mit den passenden Daten aus, ohne dass Ihr sie eintippen müsst – ein KI‑gestütztes Autoausfüllen.
Mit „Rambler“ führt Google eine Spracherfassung ein, die gesprochene Sprache in klare, kurze Texte verwandelt. In den Demos lief das über die Gboard‑Tastatur: Ihr drückt eine Taste, sprecht frei, als würdet Ihr eine Unterhaltung führen, und Gemini entfernt anschließend Füllwörter, Wiederholungen und Abschweifungen. Am Ende steht eine Nachricht, die wie getippt wirkt, ohne dass Ihr tatsächlich tippen musstet.
Besonders interessant für iOS‑Fans ist die Funktion „Erstelle mein Widget“. Sie erzeugt individuelle Widgets nach Wunsch, etwa eines, das nur Windgeschwindigkeit und Regenwahrscheinlichkeit anzeigt, statt der gesamten Vorhersage. Ein weiteres Beispiel ist ein Widget, das jede Woche neue Essensvorschläge einblendet.
Futuristische Automatisierung – mit vielen Fragezeichen
Den futuristischsten Teil bildet die Multi‑App‑Automatisierung. Gemini soll wiederkehrende Aufgaben quer durch mehrere Apps übernehmen, etwa einen Kurs im Fitnessstudio buchen oder über Expedia eine Reise organisieren.
In einem Beispiel öffnet ein:e Android‑Nutzer:in eine Einkaufslisten‑Notiz, hält den Ein-/Aus‑Knopf gedrückt und bittet Gemini, loszulegen. Laut Google stellt die KI dann eigenständig einen Warenkorb mit allen gelisteten Produkten zusammen. Solche Szenarien zeigen das Potenzial, werfen aber die Frage auf, wie häufig sie im Alltag wirklich genutzt werden.
Denn wie bei Apple Intelligence bleibt unklar, ob diese Funktionen dauerhaft in Euren Gewohnheiten landen oder nur für beeindruckende Demos taugen.
Begrenzte Verfügbarkeit und Googles wechselhafte KI-Historie
Im Gegensatz zu Apple entwickelt Google nicht für ein einziges Gerät, sondern für sehr unterschiedliche Android‑Modelle. Zum Start wird Gemini Intelligence deshalb auf aktuelle Pixel‑ und Samsung‑Galaxy‑Geräte beschränkt sein. Wer ein Smartphone etwa von Motorola nutzt, hat zunächst keine Garantie auf die neuen Funktionen.
Ab dem Sommer sollen die verschiedenen Gemini‑Intelligence‑Bausteine schrittweise verteilt werden. Anschließend will Google sie auf Uhren, Autos, Laptops und sogar Brillen ausweiten, ohne bisher genau zu benennen, welche Geräte konkret unterstützt werden.
Die Vergangenheit macht viele Nutzer:innen skeptisch. Google hat mehrfach persönliche und proaktive KI‑Assistenten präsentiert, aber nicht alle haben überlebt. 2012 startete Google Now mit kontextabhängigen Karten, die etwa Flugdaten oder Pendelzeiten anzeigen sollten, auch auf iPhone und iPad. Vier Jahre später war Google Now Geschichte und wurde vom Google‑Assistant abgelöst, weil viele Nutzer:innen es als zu aufdringlich und wenig relevant empfanden.
2018 folgte Google Duplex, eine KI, die Telefonate im Auftrag der Nutzer:innen führen sollte. In der Praxis kämpfte Duplex mit unvorhersehbaren Gesprächsverläufen sowie rechtlichen und datenschutzrechtlichen Bedenken. 2022 wurde Duplex im Web eingestellt, Teile der Technik leben heute in Gemini weiter.
Einige Funktionen haben sich allerdings bewährt, etwa „Warte für mich“ und „Anrufschirm“ auf Pixel‑Smartphones. Die eine bleibt für Euch in Warteschleifen, die andere filtert eingehende Anrufe. Sie zeigen, dass manche fortgeschrittene Funktionen bleiben, während andere verschwinden.
Apple Intelligence: große Ankündigungen, lange Wartezeiten
Apple steht vor ähnlichen Herausforderungen. Auf der WWDC‑Eröffnungskeynote am 8. Juni will das Unternehmen die neue iPhone‑Software vorstellen und dabei auch den Ausblick auf Apple Intelligence erneuern. Viele der erwarteten Neuerungen sind bereits seit 2024 angekündigt, aber bislang nicht verfügbar.
Im Mittelpunkt steht eine deutlich persönlichere Siri. Die neue Version war ursprünglich für iOS 18 geplant, wurde jedoch verschoben, was zu Klagen und einem Vergleich in einer Sammelklage führte. Wenn Siri die damals versprochenen Funktionen liefert, könnte sie ähnlich wie Gemini Intelligence Apps steuern, kontextbezogen arbeiten und Inhalte auf dem Bildschirm einbeziehen. Auch eine chatbot‑ähnliche Oberfläche, neue Fotobearbeitungsfunktionen und automatisch gruppierte Safari‑Tabs gelten als wahrscheinlich.
Trotz aller Unterschiede teilen Apple und Google ein Problem: Beide riskieren, beeindruckende KI‑Neuheiten zu liefern, die Ihr nach anfänglicher Begeisterung kaum noch nutzt. Selbst wenn Apple Intelligence und Gemini Intelligence sämtliche Versprechen erfüllen, bleibt die Frage, ob sie dauerhaft in Euren Alltag vordringen oder nach einigen Monaten in Vergessenheit geraten.
