Apple hat Nvidia an der Börse überholt und ist wieder das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt. Der knappe Vorsprung spiegelt eine veränderte Sicht der Anleger:innen auf das Thema KI wider.
Knappes Rennen an der Börse
Am Freitag schloss die Apple-Aktie bei 333,74 US-Dollar (rund 307 Euro) und erreichte damit eine Marktkapitalisierung von etwa 4,88 Billionen US-Dollar (rund 4,50 Billionen Euro). Nvidia verlor im Tagesverlauf rund 3,5 Prozent und kam auf etwa 4,86 Billionen US-Dollar (rund 4,48 Billionen Euro). Damit ist Apple erstmals seit April 2025 wieder an der Spitze, nachdem Nvidia den Titel fast ein Jahr lang gehalten und im Oktober als erstes Unternehmen überhaupt die Marke von 5 Billionen US-Dollar (rund 4,61 Billionen Euro) überschritten hatte.
Der Abstand ist minimal und vor allem symbolisch: Bereits die nächste Handelssitzung oder der nachbörsliche Handel könnten das Ranking wieder drehen. Dennoch markiert die Rückkehr an die Spitze eine deutliche Trendwende gegenüber den Zöllen, China-Sorgen und KI-Zweifeln, die Apple zuletzt belastet hatten.
Vom KI-Nachzügler zum Strategiewechsel an der Wall Street
Apple galt lange als Nachzügler in der KI-Rallye, weil das Unternehmen keine eigenen großen KI-Modelle entwickelte und die massiven Infrastrukturinvestitionen von Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta mied. Stattdessen setzt Apple darauf, Modelle von Partnern zu integrieren und KI-Funktionen direkt in Produkte und Dienste für mehr als zwei Milliarden aktive Geräte einzubauen. Diese Zurückhaltung wurde an der Wall Street zunächst kritisch gesehen, nun aber zunehmend als tragfähige Strategie bewertet.
Die Wende begann im Frühjahr 2025 unter schwierigen Vorzeichen. Apple hatte Verzögerungen bei den stärker personalisierten Siri-Funktionen eingeräumt und kämpfte mit Zollsorgen wegen der starken Abhängigkeit von asiatischer Fertigung. Tim Cook warnte damals, dass Zölle im Juni-Quartal rund 900 Millionen US-Dollar (rund 830 Millionen Euro) kosten könnten; tatsächlich fielen 800 Millionen US-Dollar (rund 737 Millionen Euro) an, für die Apple inzwischen eine Rückerstattung beantragt hat, die in den Ausbau der US-Fertigung fließen soll.
Parallel dazu lief es operativ immer besser. Im Juni-Quartal 2025 stieg der Umsatz um 10 Prozent auf 94 Milliarden US-Dollar (rund 86,7 Milliarden Euro), im September-Quartal um 8 Prozent auf 102,5 Milliarden US-Dollar (rund 94,9 Milliarden Euro). Starke frühe Nachfrage nach dem iPhone 17 trieb Apple im Oktober auf eine Bewertung von 4 Billionen US-Dollar (rund 3,69 Billionen Euro), während das Service-Geschäft Rekordumsätze mit deutlich höheren Margen als die Hardware-Sparte lieferte.
Im Geschäftsjahr 2026 zog das Wachstum weiter an: Für das Weihnachtsquartal meldete Apple einen Rekordumsatz von 143,8 Milliarden US-Dollar (rund 133,0 Milliarden Euro), ein Plus von 16 Prozent, gefolgt von einem März-Rekordquartal mit 111,2 Milliarden US-Dollar (rund 102,9 Milliarden Euro), plus 17 Prozent. Der März-Bericht setzte Bestmarken bei Gesamtumsatz, iPhone-Umsatz, Gewinn je Aktie und Services, während das Geschäft in Großchina trotz früherer Sorgen wieder deutlich anzog.
Auf der Entwickler:innenkonferenz im Juni stellte Apple die neue Siri-KI vor, inklusive persönlichem Kontext, Onscreen-Erkennung, App-Steuerung und Konversation, wie schon 2024 angekündigt. Die Funktionen sollen mit den Herbstupdates der Betriebssysteme erscheinen und sind bereits in Betas verfügbar. Dass Apple damit ohne gigantische Rechenzentren auskommt, passt zur neuen Sicht der Märkte auf KI-Ausgaben.
Nvidia bleibt zentral für KI – Markt blickt breiter
Apple profitierte nicht von einem einzelnen Ereignis, sondern von einer mehr als einjährigen Aufholjagd, während Nvidia nun einen schwächeren Handelstag erwischte. Die Bedeutung von Nvidia in der KI-Infrastruktur ist jedoch unverändert: Die Grafikprozessoren des Unternehmens treiben weiterhin den Ausbau der Rechenzentren voran, die die gesamte KI-Welle möglich machen. Ein moderater Kursanstieg könnte das Ranking daher jederzeit wieder umkehren.
Gleichzeitig hat sich der KI-Handel an der Börse verbreitert. Der Halbleiterindex liegt fast 19 Prozent unter seinem Allzeithoch, Anleger:innen hinterfragen die Nachhaltigkeit der bisherigen KI-Rallye. Speicherhersteller wie Micron, das im Mai die Billionenmarke an der Börse überschritt, und SK Hynix, das kürzlich an die Nasdaq ging, zählen zu den Gewinnern. Mehr Wettbewerb und neue Anbieter könnten die Aufmerksamkeit vom bisherigen Fokus auf wenige große Tech-Konzerne auf eine breitere Basis verschieben.
Für Apple kommt noch ein strategischer Wechsel an der Spitze hinzu: Tim Cook wechselt zum 1. September in die Rolle des Executive Chair, während Hardware-Chef John Ternus CEO wird. Die geplante Übergabe hat den Kursverlauf bislang jedoch kaum beeinflusst. Nach einem Jahr, in dem Apple oft als sichtbarstes KI-Schlusslicht galt, wirken starke iPhone-Verkäufe, wachsende Services, eine Erholung in China und ein klarer Siri-Fahrplan heute eher wie ein bewusst gewählter Kurs als wie ein Versäumnis.
Via: thenextweb.com · appleinsider.com
