Apple verklagt OpenAI wegen mutmaßlichen Geheimnisdiebstahls – und stellt damit eine zentrale Weichenfrage der Tech-Branche. Es geht darum, wer die Zeit nach dem Smartphone definiert.
Handelsgeheimnisse, Hardware – und ein verletzter Branchenriese
Im Mittelpunkt der aktuellen Decoder-Podcastfolge von The Verge spricht Chefredakteur Nilay Patel mit der leitenden KI-Reporterin Hayden Field über Apples Klage gegen OpenAI. Apple wirft mehreren Ex-Mitarbeiter:innen, die zu OpenAI gewechselt sind, vor, gezielt nach Geschäftsgeheimnissen gefragt und vertrauliche Hardware-Unterlagen von Apple-Servern heruntergeladen zu haben. OpenAI bestreitet die Vorwürfe, eine formale Klageerwiderung liegt noch nicht vor.
Jurist:innen, mit denen Field gesprochen hat, halten den Fall für ernst. Besonders brisant: OpenAI hatte 2025 das KI-Hardware-Start-up io Products des früheren Apple-Chefdesigners Jony Ive für 6,5 Milliarden US‑Dollar (rund 6,0 Milliarden Euro) übernommen. Apple gilt seit Jahrzehnten als äußerst hartnäckige Prozesspartei. Frühere große Verfahren richteten sich etwa gegen Microsoft wegen der grafischen Benutzeroberfläche von Windows und gegen Samsung wegen iPhone-Patenten. Weder Windows noch Android und Samsung verschwanden dadurch vom Markt, doch Apple setzte wichtige rechtliche Akzente.
Anders als Microsoft oder Samsung kann OpenAI sich einen jahrelangen, teuren Rechtsstreit allerdings deutlich schlechter leisten. Das Unternehmen verbrennt weiter Kapital, ringt um seinen Kurs zwischen Firmenkund:innen und Verbraucher:innen und verliert regelmäßig Führungskräfte. Die Klage trifft OpenAI in einer Phase, in der der Konzern ohnehin unter Druck steht.
Ex-Apple-Personal und der Kampf um das nächste Gerät
Im Zentrum der Vorwürfe steht laut Apple insbesondere Tang Tan, früher über 20 Jahre bei Apple und dort zuletzt verantwortlich für die Apple Watch. Nach seinem Wechsel zu Jony Ives Firma und später zu OpenAI soll er in Bewerbungsgesprächen nach codenamensgeschützten Projekten gefragt und Bewerber:innen angeblich animiert haben, Hardwarekomponenten aus Apple-Büros mitzubringen, um sie vorzuführen. In internen Nachrichten, die Apple zitiert, sollen Beteiligte sogar scherzhaft reagiert haben, als sie auf vertrauliche Informationen zugriffen.
Jony Ive selbst taucht in der Klageschrift nicht als Zielscheibe auf, obwohl er mit OpenAI-Chef Sam Altman öffentlich an neuen Geräten arbeitet und Apple gegenüber inzwischen deutlich auf Distanz gegangen ist. In einem viel beachteten Video mit Altman bezeichnete Ive Smartphones und Laptops als „Altgeräte“ – ein direkter Seitenhieb auf frühere Apple-Erfolge. Auffällig ist, dass Apple Ive dennoch nicht direkt angreift, obwohl viele seiner ehemaligen Designer:innen nun an OpenAIs Hardwareplänen mitarbeiten.
Apple wirft OpenAI mittelbar vor, nicht nur prominente Designer:innen, sondern auch praktisches Fertigungswissen aus Cupertino abziehen zu wollen. Aus Sicht von Field ist nachvollziehbar, dass OpenAI dringend Hardwarekompetenz sucht: Viele KI-Gadgets sind zuletzt spektakulär gescheitert, etwa tragbare Assistenten, die im Alltag wenig taugen. Hardware bleibt teuer, kompliziert und gnadenlos sichtbar, wenn sie floppt.
Zwischen KI-Hype, Misstrauen und einem wackligen Geschäftsmodell
Strategisch wollte OpenAI ursprünglich zur großen Verbraucher-Marke für KI werden, Google im Suchgeschäft angreifen und mit eigenen Geräten langfristig sogar das iPhone herausfordern. Parallel versucht der Wettbewerber Anthropic, vor allem das lukrative Firmenkund:innen-Geschäft zu besetzen. In der Praxis hat OpenAI zuletzt aber viele Nebenprojekte eingestellt und betont, sich auf Unternehmenslösungen und Programmierhilfen zu konzentrieren – also auf die Bereiche, die tatsächlich Umsatz bringen.
Trotzdem arbeitet OpenAI Medienberichten zufolge an mehreren KI-Geräten, darunter einem bildschirmlosen Lautsprecher. Field zeigt sich skeptisch, ob es überhaupt einen Massenmarkt für ein spezielles OpenAI-Gerät gibt. Schon beim Smartphoneboom sei klar gewesen, dass die breite Bevölkerung Smartphones will – bei KI-Hardware sei diese Nachfrage bislang nicht erkennbar.
Hinzu kommt ein technischer und ein kultureller Knackpunkt. Sprachbasierte Steuerung eignet sich zwar ideal als Eingabemethode für KI, doch die Systeme liefern weiterhin fehlerhafte oder erfundene Antworten. Für triviale Fragen mag das genügen, bei Alltagsentscheidungen oder persönlichen Daten nicht. Gleichzeitig müsste ein solches Gerät tief in Mails, Kalender und andere sensible Informationen eingebunden sein – was viele Nutzer:innen angesichts wachsender Skepsis gegenüber KI-Firmen abschreckt.
Field ordnet Apples Vorgehen vor diesem Hintergrund als Teil einer größeren Auseinandersetzung ein: Die Branche habe sich daran gewöhnt, riesige Datenmengen ohne individuelle Erlaubnis zu nutzen, etwa aus dem Web oder von Plattformen wie YouTube. Gleichzeitig reagierten KI-Firmen empört, wenn andere ihre Modelle unerlaubt kopieren. Apple greife nun genau diesen Widerspruch an und stelle die Frage, ob sich OpenAI auch bei Hardware- und Fertigungswissen einfach bedienen dürfe.
Für OpenAI kommt die Klage zur Unzeit: Das Unternehmen bereitet einen Börsengang vor, Investor:innen achten stärker denn je auf Profitabilität und Stabilität. Eine jahrelange Auseinandersetzung mit Apple könnte den Zeitplan durcheinanderbringen – und die Chancen mindern, mit einem großen KI-Gerät rechtzeitig auf dem Markt zu sein. Ob OpenAI sich dauerhaft im Verbrauchergeschäft behaupten kann oder sich doch auf Firmenkunden konzentrieren muss, wird damit noch offener.
