Ein massives Leak legt bislang geheime Details zur Infrastruktur der chinesischen Internetzensur offen. Mehr als 500 GB interner Dokumente und Quellcode der „Great Firewall“ stehen jetzt öffentlich im Netz.
Inhalte des Leaks und betroffene Organisationen
Am 11. September bestätigten Forscher:innen, dass über 500 GB interne Dateien der berüchtigten „Great Firewall“ Chinas ins Netz gelangt sind. Enthalten sind Quellcode, Arbeitsprotokolle, interne Kommunikation sowie Betriebsanleitungen, die der Entwicklung und Wartung des nationalen Internetfilters nutzen. Die Daten stammen allem Anschein nach von Geedge Networks, einem Unternehmen, das oft mit Fang Binxing, dem sogenannten „Vater“ der Great Firewall, in Verbindung gebracht wird. Außerdem gibt es Hinweise auf die MESA-Labore des Institute of Information Engineering, das zum Forschungsarm der Chinesischen Akademie der Wissenschaften gehört.
Das Leak enthält offenbar komplette Build-Systeme für Deep-Packet-Inspection-Plattformen sowie Code-Module zur Identifikation und Drosselung bestimmter Umgehungstools. Ein Großteil der Systeme ist auf die Erkennung von VPN-Diensten durch DPI, SSL-Fingerprinting und komplette Sitzungsprotokollierung ausgelegt.
Export der Zensurtechnik und internationale Nutzung
Die von Forscher:innen der Initiative Great Firewall Report analysierten Dokumente beschreiben die Architektur einer kommerziellen Plattform namens „Tiangou“. Diese Plattform ist speziell für Netzwerkbetreiber und Internet-Gateways konzipiert. Die ersten Installationen liefen laut Leak auf Servern von HP und Dell, ehe ausländische Hardware durch chinesische Systeme ersetzt wurde – offenbar als Folge internationaler Sanktionen.
Ein offengelegtes Deployment-Sheet zeigt, dass das System in 26 Rechenzentren Myanmars eingeführt wurde. Dort überwachten Live-Dashboards insgesamt 81 Millionen gleichzeitig aktive TCP-Verbindungen. Das System wurde demnach vom staatlichen Telekommunikationsunternehmen des Landes betrieben und war in das zentrale Internet-Backbone integriert. Damit war eine umfassende oder gezielte Netzsperre möglich.
Weitere Recherchen von WIRED und Amnesty International ergaben, dass Geedges DPI-Technologie auch nach Pakistan, Äthiopien und Kasachstan exportiert wurde. Dort ist sie häufig zusammen mit Überwachungsplattformen für rechtmäßige Abhörmaßnahmen im Einsatz. In Pakistan soll Geedge-Hardware Teil eines größeren Systems namens WMS 2.0 sein, das in der Lage ist, den Mobilfunk landesweit in Echtzeit zu überwachen.
Analyse der Schwachstellen und Empfehlungen zum Umgang
Das Ausmaß und die Details des Leaks ermöglichen erstmals einen seltenen Einblick in die Funktionsweise und Kommerzialisierung von Chinas Internetzensur. Die Analyse der Dokumente durch WIRED zeigt auch, dass das Geedge-System in der Lage ist, unverschlüsselte HTTP-Sitzungen abzugreifen.
Die Durchsicht des umfassenden Archivmaterials befindet sich noch in einem frühen Stadium. Expert:innen gehen aber davon aus, dass Entwicklungsprotokolle und Entwicklernotizen im Leak Angriffsflächen für Umgehungstools offenbaren könnten. Potenzielle Schwachstellen auf Protokollebene könnten so leichter identifiziert und ausgenutzt werden.
Der gesamte Leak wird mittlerweile von Initiativen wie Enlace Hacktivista gespiegelt. Wer die Daten einsehen oder untersuchen will, sollte jedoch vorsichtig sein. Sicherheitsforscher:innen raten dringend dazu, ausschließlich isolierte Umgebungen wie luftgetrennte (air-gapped) virtuelle Maschinen oder andere Sandbox-Lösungen zu nutzen, um mögliche Risiken zu minimieren.
Via: https://www.tomshardware.com
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