KI

Digitaler Offenbarungseid – Wie SAP unsere Behörden an US Big-Tech ausliefert

SAP will mit OpenAI und Microsoft künstliche Intelligenz in die deutschen Behörden bringen. Was fortschrittlich klingt, mach Deutschland zur Datenkolonie.

Es gibt Momente, da möchte man den Kopf nicht nur schütteln, sondern ihn rhythmisch auf die Tischplatte schlagen. Wir reden seit Jahren über „Digitale Souveränität“. Politiker in Berlin und Brüssel werden nicht müde, das Wort in jedes Mikrofon zu hauchen, als wäre es ein magisches Schutzschild. Wir wollen unabhängig werden, wir wollen europäische Werte in der IT, wir wollen keine Datenkolonie sein. Und was passiert, wenn das Licht der Kameras aus ist? Wir unterschreiben Verträge, die genau das Gegenteil bewirken.

Die jüngsten Ankündigungen von SAP, künstliche Intelligenz in die deutsche öffentliche Behörden zu bringen, klingen auf den ersten Blick nach Fortschritt. Endlich weg vom Faxgerät, hin zur KI-gestützten Sachbearbeitung. Doch wer das Marketing Bla-Bla beiseite schiebt und sich die technische Realität ansieht, blickt in einen Abgrund. SAP, einst das Aushängeschild deutscher Ingenieurskunst und Europas größtes Softwareunternehmen, macht sich zum Steigbügelhalter für Microsoft und OpenAI.

Der Plan ist simpel und erschreckend zugleich: SAP integriert die Generative KI von OpenAI (via Microsoft Azure) tief in seine Lösungen für den öffentlichen Sektor. Verkauft wird das Ganze unter dem Label „Souveränität“, weil ja SAP draufsteht und womöglich die „Delos Cloud“ dazwischengeschaltet ist. Doch machen wir uns nichts vor: Das ist Etikettenschwindel der gefährlichsten Sorte. Wir bauen unsere staatliche Infrastruktur auf dem geistigen Eigentum und den Rechenkapazitäten von US-Konzernen auf.

Das Trojanische Pferd aus Walldorf

Man muss es in aller Härte sagen: SAP kapituliert. Anstatt eine eigene, europäische KI-Strategie zu fahren, die auf Open Source oder zumindest europäischen Partnern wie Aleph Alpha oder Mistral primär aufsetzt, wählt man den bequemen Weg. SAP wird zum Reseller von US-API-Calls. Wie Felix Schuster und andere Experten zu Recht auf LinkedIn und in Fachkreisen kritisieren, findet hier ein „Souveränitäts-Washing“ statt.

Die Mechanismen sind perfide. Die Behörden kaufen bei SAP ein, im Glauben, eine „deutsche Lösung“ zu erwerben. Doch unter der Haube werkelt GPT-4. SAP baut einen sogenannten „Generative AI Hub“. Das klingt toll, ist aber im Wesentlichen ein Proxy – ein Durchlauferhitzer für Daten, die am Ende doch durch die neuronalen Netze von OpenAI laufen. Zwar verspricht man Datenschutz und dass keine Daten zum Training der Modelle genutzt werden, aber die technologische Abhängigkeit ist total.

Warum ist das ein Trojanisches Pferd? Weil wir den Schlüssel zu unserer eigenen Verwaltung abgeben. Wenn die KI in Zukunft Bescheide vorformuliert, Steuererklärungen prüft oder Sozialleistungen berechnet, dann basiert diese Logik nicht auf einem Code, den wir besitzen oder kontrollieren, sondern auf einem undurchsichtigen Modell eines Unternehmens aus San Francisco, das eng mit Microsoft verflochten ist. Wir mieten uns die Intelligenz für unseren Staat nur noch an.

Das Argument der Befürworter lautet immer: „Aber die US-Modelle sind halt die besten.“ Das mag aktuell stimmen. Aber ist „das Beste“ gut genug, um dafür die nationale Unabhängigkeit zu opfern? Wir würden ja auch nicht das US-Militär bitten, die Bundeswehr zu ersetzen, nur weil deren Ausrüstung moderner ist. Souveränität kostet. Souveränität bedeutet manchmal, die zweitbeste Lösung zu nehmen und sie besser zu machen, anstatt sich in die totale Abhängigkeit zu begeben. Mit dem Deal zwischen SAP und OpenAI zementieren wir den Status Quo: Europa zahlt, Amerika liefert die Innovation.

Souveränität als Marketing-Lüge in Zeiten geopolitischer Beben

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass diese Deals genau jetzt geschlossen werden. Wir blicken über den Atlantik und sehen ein politisches System, das zunehmend instabil wird. Die USA sind nicht mehr der verlässliche, benevolente Hegemon der 90er Jahre. Mit einer möglichen zweiten Amtszeit von Donald Trump oder einer generellen Verschiebung der USA hin zu einer autokratischen „America First“-Politik, wird Technologie zur Waffe.

Cloud Act vs. Souveränität

Der „Cloud Act“ erlaubt US-Behörden bereits jetzt weitreichenden Zugriff auf Daten von US-Unternehmen, egal wo die Server stehen. Aber das Problem geht tiefer als nur Datenschutz. Es geht um Erpressbarkeit. Was passiert, wenn eine US-Administration beschließt, dass KI-Dienste „National Security Assets“ sind und den Export beschränkt? Was, wenn Lizenzbedingungen politisch instrumentalisiert werden?

Wenn unsere Behörden erst einmal flächendeckend auf Copilots und ChatGPT-Integrationen von SAP angewiesen sind, um ihre Arbeit zu bewältigen, sitzen wir in der Falle. Ein Stopp der Services oder auch nur eine massive Preiserhöhung seitens OpenAI/Microsoft würde die deutsche Verwaltung lahmlegen. Wir machen uns erpressbar durch eine Nation, die gerade dabei ist, ihre demokratischen Check-and-Balances abzubauen.

Man stelle sich vor: Handelszölle auf deutsche Autos? Vielleicht nicht nötig, wenn man einfach die Lizenzkosten für die KI der deutschen Finanzämter verzehnfachen kann. Es ist grob fahrlässig, staatliche Kernkompetenzen (und dazu gehört die Datenverarbeitung der Bürger) an einen einzigen Tech-Stack aus einem einzigen Land zu binden. Die „Delos Cloud“, ein Joint Venture, das Microsoft-Technologie für den deutschen Staat „souverän“ verpacken soll, ist dabei nur das Feigenblatt. Wenn der Code von Microsoft kommt, die Updates von Microsoft kommen und die KI von OpenAI kommt – wo genau ist dann die deutsche Souveränität? Im Briefkopf der Rechnung?

Es ist, wie es Netzpolitik.org und t3n treffend analysieren: Wir verwechseln „Datenschutz-Compliance“ mit „Souveränität“. Nur weil wir vertraglich regeln, dass die Daten DSGVO-konform verarbeitet werden, sind wir noch lange nicht souverän. Souveränität heißt: Ich kann den Stecker ziehen und das System läuft weiter. Ich kann den Anbieter wechseln. Bei proprietären LLMs (Large Language Models), die via API eingebunden sind, kann ich das nicht. Der „Vendor Lock-in“ ist hier kein Versehen, er ist das Geschäftsmodell.

Der Weg in die digitale Unmündigkeit

Was mich an dieser Entwicklung am meisten wütend macht, ist die Alternativlosigkeit, die uns vorgegaukelt wird. Es wird so getan, als gäbe es keine Open-Source-Modelle. Als gäbe es keine Llama-Derivate, keine Mistral-Modelle, keine europäischen Initiativen, die man mit den Milliarden, die wir nun nach Redmond und San Francisco überweisen, hätte aufbauen können.

SAP hätte die Chance gehabt, sich als echter Gegenpol zu positionieren. Sie hätten eine „Sovereign AI“-Plattform bauen können, die agnostisch ist, die Open-Source-Modelle hostet, die transparent und auditierbar sind. Stattdessen wählt man den Weg des geringsten Widerstands. Man wird zum Dealer für den Stoff, nach dem alle süchtig sind. Das ist wirtschaftlich für SAP sicher kurzfristig brillant – die Aktienkurse danken es. Aber volkswirtschaftlich und staatspolitisch ist es ein Desaster.

Wir erleben gerade, wie der Staat seine Handlungsfähigkeit privatisiert. Wenn Fachverfahren in den Behörden nur noch funktionieren, solange die API zu OpenAI antwortet, haben wir die Kontrolle verloren. Und das in einer Zeit, in der Cybersicherheit und Resilienz eigentlich ganz oben auf der Agenda stehen sollten.

Ein autokratisch geführter US-Staat – und die Warnungen vor einem Umbau des Justiz- und Beamtenapparats unter Trump sind laut und deutlich – wird Technologie nicht mehr als neutrales Handelsgut sehen, sondern als Hebel. Wir haben bei Huawei gesehen, wie schnell der Westen bereit war, Technologie aufgrund von (potenziellen) Spionagerisiken und geopolitischen Abhängigkeiten aus dem Netz zu verbannen. Warum legen wir bei der Software, die unsere Gesetze exekutieren soll, nicht denselben Maßstab an?

US-IT ist das neue russische Gas

Die deutsche Verwaltung steuert sehenden Auges in eine Abhängigkeit, die schlimmer ist als die vom russischen Gas. Gas kann man zur Not woanders kaufen. Aber eine tief integrierte IT-Infrastruktur, die auf proprietärer KI basiert, tauscht man nicht in einem Winter aus. Das ist ein Lock-in für Jahrzehnte.

Wir brauchen einen sofortigen Kurswechsel. Behörden müssen verpflichtet werden, auf Open-Source-KI und offene Standards zu setzen, wo immer es möglich ist. „Public Money, Public Code“ muss auch für „Public AI“ gelten. Wir dürfen unsere digitale Zukunft nicht an der Garderobe von Big Tech abgeben, nur weil es bequem ist. Wenn wir jetzt nicht aufwachen, werden wir in zehn Jahren aufwachen und feststellen, dass unser Staat nur noch eine Hülle ist, deren Nervensystem in einem Rechenzentrum in Virginia läuft. Und der Mann am Schalter dort könnte uns dann einfach das Licht ausknipsen.

Bild Gemini KI

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Andreas Vogel

Autor Apfeltalk

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