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Wie Europas Drohnenkrieg der Zukunft aussehen soll

In Europa entsteht gerade ein neues Modell der Kriegsführung, in dem vernetzte Drohnen und automatisierte Zielsysteme eine zentrale Rolle spielen, der Drohnenkrieg. Übungen, Rüstungsprojekte und Start-ups treiben diese Entwicklung mit hoher Geschwindigkeit voran.

Automatisierte Zielnetze und Millionen Drohnen

Im Frühjahr nahm die britische 4. Leichte Brigade, die „Black Rats“, an der NATO-Übung „Hedgehog“ in Estland teil. Neben schweren Panzern, Apache-Kampfhubschraubern und Raketenwerfern testete die NATO dort ein unsichtbares, aber entscheidendes System. Ein automatisiertes „digitales Zielnetz“ namens Project ASGARD. Es wurde in nur vier Monaten aufgebaut und vernetzt alle aufklärenden Sensoren mit allen Waffenplattformen in einem gemeinsamen Funknetz, das wie ein verteiltes elektronisches Gehirn funktioniert.

Aufklärungsdrohnen kreisten über Estland, nutzten Objekterkennung und meldeten entdeckte Ziele direkt an verfügbare Waffen wie Artillerie, Panzer oder bewaffnete Kamikazedrohnen. Soldat:innen griffen über Samsung-Smartphones auf das Netz zu und wählten per Dropdown-Menü das jeweils passende Waffensystem, basierend auf Parametern wie der „Trefferwahrscheinlichkeit“. Laut britischen Angaben kann die gesamte Wirkkette vom ersten Sichtkontakt bis zur Feuerentscheidung unter einer Minute dauern. Die Armee spricht von einer Verzehnfachung ihrer „Tödlichkeit“ in den nächsten zehn Jahren. ASGARD soll 2027 fertig sein, die Bundeswehr plant mit Uranos KI ein eigenes Zielnetz bereits ab 2026.

Parallel wächst die Bedeutung massenhaft eingesetzter Drohnen. Die Ukraine steigerte ihre Drohnenproduktion von 2,2 Millionen Stück im Jahr 2024 auf 4,5 Millionen im Jahr 2025. Der EU-Kommissar für Verteidigung und Raumfahrt schätzt, dass die EU im Falle eines größeren Krieges mit Russland jährlich drei Millionen Drohnen bräuchte, allein um Litauen zu halten. Für kleinere Staaten wie Estland ermöglichen Drohnen und KI-gestützte Aufklärung laut Verteidigungsministerium, militärisch „über das eigene Gewicht hinauszuwirken“.

Helsing und Kill-Webs

Zwanzig Unternehmen wirkten an ASGARD mit, vom VC-finanzierten Start-up bis zum Rüstungskonzern. Besonders im Fokus steht das Münchner Unternehmen Helsing, das Drohnen und KI für das Projekt beisteuerte und seit 2021 zum wichtigsten europäischen Verteidigungstech-Start-up aufgestiegen ist. Nach frühen 100 Millionen Euro von Spotify-Chef Daniel Ek, zahlreichen Regierungsverträgen und weiteren Finanzierungsrunden erreichte Helsing im Juni eine Bewertung von 12 Milliarden Dollar. Das Unternehmen entwickelt inzwischen neben Software auch KI-unterstützte Raketendrohnen und unbemannte Kampfjets.

Helsing setzt auf ein Start-up-Modell: erst Geld einsammeln, dann Technologie entwickeln, anschließend damit zu den Regierungen gehen. Die EU-Kommission forderte 2025 einen „jahrzehntelangen Schub“ in der Verteidigungsinvestition, mit Drohnen und KI als zentrale Schwerpunkte. Insgesamt mobilisiert man damit fast eine Billion Dollar für Waffen. Deutschland allein plant fast 11 Milliarden Euro für den Ausbau seiner Drohnenflotte.

Im Zentrum von Helsings Vision steht die Softwareplattform Altra, die in ASGARD als Teil des „Gehirns“ diente. Sie soll länder- und domänenübergreifend Raketen, Drohnen und Artillerie koordinieren, bis hin zu „Sättigungsangriffen“. Bei diesen werden gegnerische Verteidigungssysteme durch synchronisierte Wellen von Schlägen überfordert. Ein ehemaliger britischer Oberbefehlshaber beschreibt solche autonomen Zielnetze als Abschreckung. Ein russischer Vorstoß über die estnische Grenze solle in diesem Szenario praktisch sofort zerstört werden.

Wer entscheidet? – Mensch oder Maschine

Derzeit schreiben europäische Regeln noch vor, dass bei tödlicher Gewalt ein Mensch die letzte Entscheidung trifft. Helsings Drohnen nutzen Objekterkennung, der:die Bediener:in prüft das Ziel und bestätigt den Angriff, vollständig autonom fliegen die Systeme nur in der letzten Phase kurz vor dem Einschlag. Fachleute weisen darauf hin, dass die technische Hürde für vollautonome Waffen damit weitgehend überschritten ist, während Firmen öffentlich betonen, keine Systeme zu entwickeln, in denen Maschinen die finale Entscheidung treffen.

Gleichzeitig arbeiten Unternehmen wie Helsing und Anduril an „Eins-zu-viele“-Steuerung, bei der eine Person mehrere Drohnen parallel führt. In Schwarmformationen sinkt damit zwar nicht die formale menschliche Beteiligung, wohl aber die Möglichkeit, jede einzelne Aktion bewusst zu steuern. Zugleich treiben russische Fortschritte bei Störtechnik und Autonomie die Entwicklung weiter an. UN-Vertreter:innen warnen, die internationale Gemeinschaft überschreite eine schwer umkehrbare Schwelle. Doch europäische Verantwortliche sehen mangels Personal autonome Systeme als notwendig, um große Drohnenflotten überhaupt kontrollieren zu können.

Tempo, Grenzen der Technik und die Folgen

Helsing inszeniert sich als Antwort auf eine unmittelbare Bedrohung und verweist auf extrem kurze Entwicklungszyklen wie einen KI-Agenten, der binnen Monaten einen Kampfflieger steuerte. Europäische Regierungen wiederum betonen die Notwendigkeit, Beschaffung zu beschleunigen. Dänemark erhöhte sein Verteidigungsbudget um 50 Milliarden Kronen, die Regierungschefin erklärte, entscheidend sei vor allem Geschwindigkeit. Helsing plant ein Netz geheimer „Resilienzfabriken“ in Europa, um Drohnen im Kriegsfall in hoher Stückzahl zu produzieren. Eine Fabrik in Süddeutschland soll bis zu 1.000 HX‑2-Drohnen pro Monat liefern, kämpft aber mit Personalmangel. Firmenvertreter:innen sprechen von Hunderttausenden benötigten Drohnen allein für Deutschland, um die ersten Monate eines möglichen Angriffs überbrücken zu können.

Erfahrungen aus der Ukraine

Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus der Ukraine, dass Massen von Drohnen den Krieg eher in einen Abnutzungskonflikt verwandelt haben, ohne klare militärische Durchbrüche. Jede technische Neuerung findet rasch durch Gegenmaßnahmen eine Antwort, von Glasfaser-gesteuerten Drohnen bis zu physischen Fallen. Expert:innen warnen davor, jetzt Millionen Drohnen zu bauen und zu lagern, da sie in kurzer Zeit veraltet sein könnten. Viele westliche Testbedingungen mit klar sichtbaren Zielen hätten wenig mit der Realität gut getarnter Ziele zu tun.

Während Drohnen dort bereits für den Großteil der Kampfopfer verantwortlich sind, stellen sie laut UN-Untersuchungen inzwischen auch die tödlichste Waffe gegen Zivilist:innen dar. Russland setze Drohnen entlang des Dnipro-Flusses gezielt ein, um Angst zu verbreiten; die Kommission sah darin Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Eine europäische Drohnenkriegsführung würde Millionen Menschen im Osten des Kontinents ähnlichen Gefahren aussetzen. Stimmen aus der Branche verweisen zwar auf angeblich präzisere und damit ethischere Waffensysteme, doch Fachleute mahnen zur Vorsicht angesichts der unklaren Folgen eines großen Kriegs zwischen Großmächten, in dem Abschreckung und automatisierte Kill-Webs wenig Raum für Deeskalation lassen.

Die europäische Union, ursprünglich als Friedensprojekt gegründet, steht damit vor der Aussicht, ihr Verständnis von Sicherheit, Krieg und Tod grundlegend zu verändern – in einer Ära, in der „Tödlichkeit“ zunehmend von Algorithmen, vernetzten Systemen und Drohnenschwärmen geprägt wird.

Via: https://www.technologyreview.com

Bild Gemini KI

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Andreas Vogel

Autor Apfeltalk

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