Spotify verhandelt über Lizenzen für Live‑Video von Festivals und startet ein Ticket-Vorhalteprogramm für besonders engagierte Premium-Abonnent:innen. Damit reagiert der Dienst auch auf rückläufige Werbeerlöse.
Nach einem Bericht von Bloomberg spricht Spotify mit Konzertveranstalter:innen über die Rechte, Live‑Videos von Musikfestivals zu streamen. Der schwedische Streamingdienst will sich damit stärker als zentrale Plattform für das Live-Musikgeschäft positionieren. Erste Mitschnitte von Veranstaltungen sind bereits in der App zu sehen, darunter ein Auftritt von Dua Lipa in Mexiko-Stadt.
Parallel dazu setzt Spotify ein konkretes Ticketprojekt um. Das Unternehmen hat einen mehrjährigen Vertrag mit Live Nation geschlossen, dem weltweit größten Konzertveranstalter und Ticketverkäufer. Gemeinsam starten sie eine Funktion namens „Reserviert“. Ab diesem Sommer hält Spotify bei ausgewählten Tourneen in den USA für besonders engagierte Hörer:innen bis zu zwei Tickets pro Fan zurück, bevor der allgemeine Vorverkauf beginnt.
Die Auswahl der berechtigten Fans basiert auf Streaming-Daten. Berücksichtigt werden unter anderem, wie häufig jemand eine Künstlerin oder einen Künstler hört, seit wann ein Account folgt und ob das Verhalten organisch wirkt und nicht durch Bots erzeugt ist. Geeignete Nutzer:innen erhalten eine E‑Mail und eine Benachrichtigung in der App mit einem Kaufzeitfenster von rund 24 Stunden. Laut Bloomberg zahlt Spotify für diese exklusiven Ticketrechte einen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe in US‑Dollar und setzte sich damit gegen Apple und Amazon durch.
Das Ticketprogramm erinnert an Konzert-Vorverkäufe für Kreditkartenunternehmen wie American Express, nur dass Spotify auf Streaming-Daten statt auf Ausgabenhistorie setzt. Ursprünglich wollte der Dienst den Ticketzugang in ein teureres „Super-Premium“-Abo integrieren, gab diese Pläne aber wieder auf. Jetzt setzt Spotify auf gezielte Vorteile, die den Wechsel von der kostenlosen zur kostenpflichtigen Version attraktiver machen oder den bestehenden Premium-Preis gegenüber der Konkurrenz rechtfertigen sollen.
Das Interesse an Live‑Video ist Teil einer umfassenden Video-Offensive, die Spotify seit mehr als einem Jahr verfolgt. Der Dienst hat sich Rechte für hochwertige Musikvideos gesichert, Videorechte für Podcasts erworben und einen gemeinsamen Vertrag mit Netflix über 100 Millionen US‑Dollar (rund 92 Millionen Euro) für den Podcast „On Purpose“ von Jay Shetty abgeschlossen. Die Videoausgabe wird exklusiv auf beiden Plattformen verfügbar sein. Vorstandschef Daniel Ek bezeichnet das Jahr 2026 als Zeitpunkt, an dem Spotify von einem reinen Musik-Streamingdienst zu einer allgemeinen Medienplattform werden soll.
Hinter der Videostrategie stehen auch finanzielle Überlegungen. Die werbefinanzierten Erlöse sanken im ersten Quartal 2026 im Jahresvergleich um 5 Prozent auf 385 Millionen Euro, der zweite Rückgang in Folge. Video-Werbung erzielt höhere Preise als Audio-Spots, und wenn Nutzer:innen Inhalte ansehen statt nur hören, entsteht zusätzliche Werbefläche.
Die Nachfrage nach Live-Streams von Konzerten ist seit Jahren belegt. YouTube überträgt seit mehr als einem Jahrzehnt Festivals wie Coachella für Millionen Menschen, die kein Ticket bekommen oder nicht anreisen können. Disney und Hulu sind mit Veranstaltungen wie Bonnaroo nachgezogen. Sollte Spotify hier einsteigen, träfe es auf etablierte Konkurrenz, bringt aber einen Vorteil mit: Der Dienst weiß bereits, welche Künstler:innen die 761 Millionen monatlich aktiven Nutzer:innen am häufigsten hören.
Von ihnen zahlen 293 Millionen für Premium, was das Ticketmodell zusätzlich interessant macht. Live-Musik ist für viele Künstler:innen die wichtigste Einnahmequelle, und Spotify positioniert sich als Bindeglied zwischen Musiker:innen und den Fans mit der höchsten Wahrscheinlichkeit, tatsächlich zu Konzerten zu gehen. Schon jetzt blendet die App Konzertempfehlungen und Podcast-Ausschnitte ein, um Nutzer:innen über verschiedene Formate hinweg zu halten.
Die Ausweitung des Angebots sorgt jedoch auch für Spannungen. Teile der Musikbranche werten die Diversifizierung in Podcasts, Hörbücher und nun Video als Versuch, den Anteil der Künstler:innen am Gesamterlös zu verringern. Spotify hält dagegen, man baue Werkzeuge, mit denen Musiker:innen ihre engagiertesten Fans besser monetarisieren können – und nicht nur über reine Stream-Zahlen. Das verifizierte Künstler:innen-Abzeichen, das der Dienst Anfang des Jahres eingeführt hat und das KI-generierte Profile ausschließt, ist Teil dieses Vertrauensaufbaus.
Wie viel Live‑Video sich Spotify letztlich sichern kann, bleibt offen. Bloomberg berichtet bislang nur von Gesprächen mit Veranstalter:innen, konkrete Verträge wurden nicht bekannt, und zum finanziellen Umfang des Ticketdeals äußerte sich das Unternehmen nicht. Klar ist jedoch die Richtung: Spotify will den kompletten Weg von der Entdeckung eines Songs bis zur Konzerthalle abdecken und investiert entsprechend.
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