Spotify hat Folgen eines Podcasts über Bücher von Beverly Cleary wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen entfernt. Der Vorfall zeigt, wie automatische Prüfungen zulässige Zitate erfassen und die Meinungsfreiheit im Netz einschränken können.
Jason Snell erhielt Ende September mehrere nahezu identische Nachrichten von Spotify. Das Unternehmen teilte ihm mit, seine automatischen Prüfsysteme hätten möglicherweise geschützte Inhalte erkannt. Deshalb entfernte der Dienst eine Folge mit dem Titel „14: Ribsy“, die sich mit Beverly Clearys Buch „Ribsy“ beschäftigt.
Der Podcast „Klickitcast“ von John McCoy und Phil Gonzales behandelte sämtliche Bücher der Autorin. Die Folgen dauerten meist etwa eine Stunde. Zu Beginn lasen die Gastgeber:innen häufig den ersten Absatz des besprochenen Buches vor und diskutierten anschließend darüber. Nach Snells Einschätzung machten die Zitate nur rund 30 bis 45 Sekunden aus.
Er sieht darin einen klaren Fall zulässiger Nutzung: Die kurzen Auszüge dienten dazu, das Werk zu besprechen und redaktionelle Aussagen darüber zu treffen. Spotify erklärte in seiner Nachricht, betroffene Anbieter:innen könnten Einspruch einlegen, wenn sie keine Rechte verletzten oder eine urheberrechtliche Ausnahme wie das Zitatrecht greife. Mehrere Verstöße könnten jedoch zur Entfernung einer Sendung und zur Sperrung des Kontos führen.
Snell vermutet, Spotify habe entweder Podcast-Titel mit Buchtiteln abgeglichen oder die Audiospuren automatisch transkribiert und mit Buchtexten verglichen. In beiden Fällen habe der Dienst Folgen offenbar entfernt, sobald eine Übereinstimmung auftauchte – ohne ausreichend zu prüfen, in welchem Zusammenhang die Textpassage verwendet wurde.
Spotify stellte die Folgen nach Snells Einspruch am nächsten Tag wieder her. Für ihn löst das das grundsätzliche Problem jedoch nicht: Kreative müssten darauf hoffen, dass ein Unternehmen ihre Beschwerde akzeptiert. Automatische Erkennungssysteme auf Plattformen wie YouTube könnten außerdem Konten sperren, Einnahmen entziehen oder Geld an Personen weiterleiten, die Rechte an einem verwendeten Inhalt beanspruchen.
Snell beschreibt auch, wie diese Unsicherheit seine eigene Arbeit beeinflusst. Für eine neue Folge seiner Reihe „Designed in California“ über die Entstehung des iPod wollte er einige Sekunden eines Popsongs abspielen. Das Stück sollte verdeutlichen, wie schwierig es war, eine A-cappella-Stimme im MP3-Format zu kodieren. Einer der Entwickler des Formats soll den Song dafür nach eigener Einschätzung tausendmal angehört haben.
Snell verzichtete auf den Ausschnitt, weil er Probleme mit den Erkennungssystemen von Spotify oder YouTube befürchtete. Ein Streit um die Zulässigkeit des Zitats könnte die Verbreitung und Finanzierung einer neuen Podcastreihe gefährden. Besonders heikel wäre für ihn, wenn gleich die erste Folge einer fünfteiligen Serie aus dem Netz verschwände.
Nach dem Vorfall löschte Snell sein Spotify-Konto und beendete die Zusammenarbeit seines Podcastnetzwerks „The Incomparable“ mit dem Dienst. Er hatte seine Sendungen dort vor allem auf Wunsch einiger Hörer:innen veröffentlicht. Bei einzelnen Folgen seien die Abrufzahlen auf Spotify jedoch selten zweistellig gewesen.
Snell kritisiert außerdem Spotifys Rolle im Podcastbereich. Der Dienst übernehme Audiodateien und verbreite sie selbst, statt das offene Podcast-Ökosystem zu unterstützen. Zugleich baue das Unternehmen sein Angebot an Hörbüchern aus, darunter auch mit künstlicher Intelligenz erzeugte Titel. Snell sieht darin einen möglichen Interessenkonflikt, betont aber, dass es tatsächlich auch viele rechtswidrig erzeugte Hörbücher geben könne.
Hörer:innen, die Podcasts über Spotify abrufen, empfiehlt Snell den Wechsel zu einer anderen App. Auf dem iPhone sei bereits eine kostenlose Podcast-App installiert; weitere Alternativen seien ebenfalls verfügbar.
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