News

Chinesisches Start-up entwickelt neue Gehirn-Computer-Schnittstelle ohne Implantat

In China entsteht eine neue Generation von Gehirn-Computer-Schnittstellen, die ohne Operation auskommen soll. Das Start-up Gestala setzt dafür auf eine Kombination aus Ultraschall und Medizintechnik.

Gestala will Gehirn mit Ultraschall stimulieren und auslesen

Gestala wurde kürzlich in Chengdu gegründet und betreibt Büros in Shanghai und Hongkong. Das Unternehmen plant laut Geschäftsführerin und Mitgründerin Phoenix Peng, Ultraschall zu nutzen, um das Gehirn zunächst zu stimulieren und später auch auszulesen.

Es ist bereits das zweite Unternehmen innerhalb weniger Wochen, das auf Ultraschall für Gehirn-Computer-Schnittstellen setzt. Anfang des Monats hat OpenAI eine größere Beteiligung an dem Start-up Merge Labs bekannt gegeben, das von OpenAI-Chef Sam Altman zusammen mit weiteren Technologie-Manager:innen und Mitgliedern der in Kalifornien ansässigen gemeinnützigen Forschungsorganisation Forest Neurotech mitgegründet wurde.

Ultraschall ist vor allem als medizinisches Diagnoseverfahren bekannt. Hochfrequente Schallwellen erzeugen Bilder innerer Organe und machen Blutfluss sichtbar. Besonders häufig wird Ultraschall eingesetzt, um die Entwicklung eines Fötus während der Schwangerschaft zu überwachen. Forschende untersuchen jedoch auch seit Längerem, wie sich Ultraschall zur Behandlung von Erkrankungen einsetzen lässt.

Je nach Intensität kann Ultraschall genutzt werden, um krankhaftes Gewebe wie Blutgerinnsel oder Tumore zu zerstören oder neuronale Aktivität zu beeinflussen, ohne operieren zu müssen. Fokussierte Ultraschallbehandlungen sind bereits für Parkinson, Uterusmyome und bestimmte Tumoren zugelassen.

Erste Geräte gegen chronische Schmerzen, später Helm für zu Hause

Gestala will zunächst ein Gerät entwickeln, das fokussierten Ultraschall zur Behandlung chronischer Schmerzen im Gehirn einsetzt. Pilotstudien zeigen, dass die Stimulation des vorderen Gyrus cinguli, einer für die emotionale Schmerzverarbeitung wichtigen Region, die Schmerzintensität bei Menschen für bis zu eine Woche senken kann.

Das erste Gerät von Gestala soll ein stationäres System für den Einsatz auf der Behandlungsliege werden. Patient:innen müssten für die Therapie in eine Klinik kommen. Laut Peng steht das Unternehmen bereits mit Krankenhäusern in China im Gespräch, die Interesse an Tests der Technologie haben.

In der zweiten Generation plant Gestala ein tragbares Helm-System, das Patient:innen zu Hause unter ärztlicher Anleitung nutzen können. Über chronische Schmerzen hinaus will das Start-up die Technik schrittweise auf weitere Anwendungsgebiete ausweiten, darunter Depressionen und andere psychische Erkrankungen, Schlaganfall-Rehabilitation, Alzheimer sowie Schlafstörungen.

Auslesen des Gehirns bleibt technische Herausforderung

Langfristig möchte Gestala Ultraschall auch zum Auslesen von Hirnaktivität nutzen – ähnlich wie Merge Labs. Ein Gerät soll dann idealeweise Zustände im Gehirn erkennen, die mit chronischen Schmerzen oder Depressionen verbunden sind, und gezielt jene Regionen stimulieren, in denen die Aktivität gestört ist. Peng betont, das Ziel sei nicht die „Verbesserung“ des Menschen, sondern gesündere neuronale Funktionen.

Die meisten bisherigen Gehirn-Computer-Schnittstellen wie die von Neuralink erfassen elektrische Signale von Nervenzellen. Eine ultraschallbasierte Schnittstelle würde dagegen Veränderungen des Blutflusses im Gehirn messen.

Peng war zuvor Geschäftsführerin und Mitgründerin des in Shanghai ansässigen Unternehmens NeuroXess. Dieses entwickelt ein Gehirnimplantat, das elektrische Signale von Neuronen ausliest und damit gelähmten Menschen ermöglichen soll, digitale Geräte zu steuern und künstliche Sprache zu erzeugen. Peng verließ NeuroXess im vergangenen Jahr, um Gestala aufzubauen.

Sie sieht einen Vorteil in der neuen Technik: Klassische elektrische Gehirn-Computer-Schnittstellen erfassen nur Teilbereiche, etwa den motorischen Kortex. Ultraschall könne offenbar Zugang zu weiten Teilen des Gehirns schaffen. Mitgründer von Gestala ist Tianqiao Chen, Gründer des Online-Gaming-Unternehmens Shanda Interactive Entertainment. Zudem hat Chen das in Kalifornien ansässige gemeinnützige Tianqiao and Chrissy Chen Institute zur Förderung der Neurowissenschaften ins Leben gerufen.

Der Firmenname leitet sich von der Gestaltpsychologie ab, einer deutschen Denkrichtung, die mit dem Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ verbunden ist.

Neurotechnik

Maximilian Riesenhuber, Neurowissenschaftler und Co-Direktor des Zentrums für Neurotechnik der Georgetown-Universität, ordnet die Pläne ein. Informationen per Ultraschall aus dem Gehirn zu gewinnen, sei deutlich ambitionierter, als gezielt bestimmte Regionen zu stimulieren. Der Schädel schwäche und verfälsche Ultraschallsignale. Bisher sei es gelungen, neuronale Aktivität beim Menschen nur dann per Ultraschall auszuwerten, wenn Teile des Schädelknochens entfernt wurden und so ein „Fenster“ zum Gehirn entstand.

Die besten bisherigen Ergebnisse seien mit Schädelimplantaten erzielt worden, die für Ultraschall durchlässiger als Knochen sind, so Riesenhuber. Das Auslesen bleibe daher eine ingenieurtechnische Herausforderung. Hinzu komme, dass Veränderungen im Blutfluss langsamer ablaufen als neuronale Aktivität, was sie für bestimmte Anwendungen wie die Umsetzung von Sprache weniger geeignet machen könne.

Merge Labs hat noch nicht bekannt gegeben, auf welche Anwendungen sich das Unternehmen konzentrieren will. Auf der Website ist jedoch von der Möglichkeit die Rede, verlorene Fähigkeiten wiederherzustellen, gesündere Gehirnzustände zu unterstützen, unsere Verbindung zueinander zu vertiefen und gemeinsam mit fortgeschrittener KI neue kreative Spielräume zu eröffnen. Viele dieser Szenarien liegen vermutlich in weiter Zukunft. Riesenhuber rechnet nicht damit, dass Menschen in absehbarer Zeit per funktioneller Ultraschall-Neurobildgebung mit ChatGPT oder ähnlichen Systemen interagieren werden.

Via: https://www.wired.com

Den Beitrag in unserem Forum kommentieren

Andreas Vogel

Autor Apfeltalk

Neueste Artikel

Russland verlangt von Apple und Microsoft Kommunikationsdaten

Apple und Microsoft müssen in Russland Kommunikationsdaten ihrer Nutzer:innen drei Jahre lang speichern. Russische Behörden können die Herausgabe von Nachrichten,…

4. November 2026

iPad mini im Test: OLED-Display überzeugt, doch 120 Hertz fehlen

Das neue iPad mini bringt ein OLED-Display, ein dünneres Gehäuse und den A20 Pro. Erste Testberichte loben die Verbesserungen, sehen…

4. November 2026

Wasser über dem Mac verschüttet? Das solltet Ihr jetzt tun

Ein Flüssigkeitsschaden kann auch dann noch entstehen, wenn die Oberfläche längst trocken ist. Schaltet Euren Mac deshalb sofort aus und…

4. November 2026

iOS 27.3 bringt neue Siri-Funktionen und eine überarbeitete Health-App

Apple hat mit dem Test von iOS 27.3 begonnen. Das Update ergänzt neue Funktionen für Safari, Siri und die Health-App…

4. November 2026

Fitness-KI erstellt Trainingspläne – was sie leisten kann und wo ihre Grenzen liegen

Apple Fitness+ soll mit Gym Strength individuelle Kraftpläne fürs Fitnessstudio anbieten. Zugleich zeigen Gesundheitsberichte, dass gezielte Gewichtsabnahme das Risiko für…

4. November 2026

Siri wird zur Entwicklerplattform – Apple Watch sorgt für Datenschutzfragen

Apple öffnet Siri AI für Entwickler:innen. Zugleich rücken neue KI-Funktionen für die Apple Watch in den Blick, weil sie auf…

4. November 2026

Diese Website benutzt Cookies um Ihr Nutzererlebnis zu verbessern. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, gehen wir von Ihrem Einverständnis aus.

Mehr lesen