Nein. Und jetzt plaudere ich mal aus dem Nähkästchen:
Ich hätte mich vor 20 Jahren privat versichern können, das habe ich abgelehnt - weil ich ein Verfechter der Solidargemeinschaft war und bin.
Ich hätte vor 10 Jahren in die Schweiz auswandern (aber in D weiter arbeiten) können. Habe ich nicht getan, weil ich solcherlei Tricks widerwärtig und asozial finde.
Man muss nicht arm sein, um asozial zu sein - Reiche haben viel mehr Möglichkeiten, viel asolzialer zu sein als jeder arme Schlucker. Jeder, der sich in jungen Jahren privat versichert, um im Alter mit Tricks in die Gesetzliche zu kommen, verhält sich asozialer, als die alleinerziehende Mutter, die zur puren Existenzsicherung schwarz putzen geht oder der Hartz-IV-Empfänger, der zu seinem (ohnehin schon entwürdigendem) 1€-Job schwarz fährt, weil er sich die Monatskarte nicht leisten kann.
Geldgier finde ich furchtbar. Es ist mir ein völliges Rätsel, dass hochrangige Fußball-Funktionäre, die viel mehr Geld haben als ich je besitzen werde, sich noch hintenrum Bestechungsgelder zahlen lassen.
"Alle" sind stolz auf die Errungenschaften unseres Sozialstaates - bis sie Nettozahler werden. Ich habe einen Steuersatz von über 40% und zahle den schon erwähnten Betrag für die Krankenversicherung.
Und so bescheuert das für Anderer Ohren klingen mag: Ich finde es erstrebenswert, ein Nettozahler zu sein. Denn nur so funktioniert unsere Gesellschaft: Indem es Nettozahler gibt. Je mehr Nettozahler es gibt, umso besser ist die Versorgung und/oder umso weniger muss jeder Nettozahler zahlen. Nettozahler zu sein, ist eine von vielen Möglichkeiten, ein nützlicher Leistungsträger zu sein. Eine andere ist ehrenamtliche Arbeit für den Staat (ich z. B. bin Schöffe am LG Hamburg*) und andere (ich bin ein großer Fan und leidenschaftlicher Förderer von Hamburg Leuchtfeuer**) oder die Ausübung von wichtigen, aber unterbezahlten Tätigkeiten (Polizei, Feuerwehr, Kranken- und Altenpflege, etc.).
Nettozahler zu sein oder so viel Geld zu verdienen, dass ich anderen Gutes tun kann, erfüllt mich mit innerer Befriedigung. Dieser Staat hat mir so viel gegeben - Sicherheit, Frieden, Bildung, Gesundheit, etc. Da kann ich auch was dafür tun, dass sich die Gesellschaft weiterentwickelt und unsere Kinder eine ähnliche Förderung erhalten wie ich. Funkt euch den Horror des Krieges an, vor dem derzeit viele, viele Millionen Menschen fliehen.
*ich hatte dort lange Probleme, weil ich zu jeder Verhandlung meine Einkommensbescheinigung einreichen muss, die dann auf einen Stundensatz umgerechnet wird, damit sie mir dann eröffnen, dass sie mir DAS nicht bezahlen können. Inzwischen legt sich das, weil sich mein Satz "wäre ich geldgeil, hätte ich nicht Schöffe werden dürfen" inzwischen dort herumgesprochen und gefestigt hat.
**Ich habe letzte Woche meine Weihnachtsspende geleistet. 500€, wie jedes Jahr. Für mich ist das Kleingeld, das mir nicht weh tut. Ich verrauche jeden Monat fast soviel. Der Aufriss, den die darum machen, ist mir fast (nein, nicht fast - es ist mir definitiv) peinlich.
Auch die Frage, ob ich das hier so Posten sollte, hab ich mir mehrfach gestellt - schon weil es eigentlich eine peinliche Selbstbeweihräucherung ist. Aber ich rede lieber darüber als darüber, wer das Finanzamt am kreativsten "beschissen" hat. Ein Wettrennen, wer am Asozialsten ist, finde ich widerwärtig.
Auf der anderen Seite möchte ich zeigen, dass die zitierte Aussage Quatsch ist (es ist eben nicht zwangsläufig so) und andere dazu ermuntern, auch etwas zu tun.
Kauft einen Stapel Teddies und fahrt sie in ein Kinderhospiz. Gebt das Spielzeug, aus dem eure Kinder herausgewachsen sind, weiter. Oder noch besser: Lasst die Kinder aussuchen, was sie nicht mehr brauchen und nehmt sie mit, wenn ihr das spendet. Dann bekommen sie das Feedback direkt mit und machen das in ein paar Jahren wieder.
Backt Kekse und gebt sie in einem Flüchtlingslager ab, das kann man auch geil als Familienevent oder Nachbarschaftsevent machen, dann macht das sogar richtig Spaß.
Schmeißt alte Kleidung nicht weg, die man noch tragen kann, sondern gebt sie denen, die sie lokal verwerten können (nicht den kommerziellen Unternehmen, die mit dessen Ausfuhr die Textilindustrie in der 3. Welt kaputtmachen!). Und nein: Heels und Dessous an Flüchtlinge weiterzugeben, ist nicht sinnvoll (ich habe gerade erst gelesen, dass sie Hamburger Kleiderkammer in sowas ersäuft).
Wer einmal in seinen Leben eine Kleinigkeit verschenkt und z. B. die Tränen der Dankbarkeit in den Augen eines zum zeitnahen Sterben verurteilten Kindes gesehen hat, der mag damit gar nicht wieder aufhören (denn was für den Einen eine Kleinigkeit ist, ist für den Anderen die Erfüllung eines Lebenstraumes). Das macht definitiv süchtig!