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Der Verbraucher - Knecht der Wirtschaft oder prinzipienloser Konsument?

Dieses Thema im Forum "Café" wurde erstellt von Kang00, 22.03.08.

  1. Kang00

    Kang00 Zwiebelapfel

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    Diese Überlegung verfolgt mich jetzt schon den ganzen Tag. Angefangen hat das Gaze mit einer Diskussion über Wacken (ja, das Wacken). Es ging darum, dass das Festival bereits ausverkauft sei, was einige der Beteiligten am Tisch überhaupt nicht gut fanden. Es fiel dann ein Satz, der eine heiße Diskussion entfachte: "Kein Wunder, dass das ausverkauft ist, nur weil irgendwelche kleinen Hurensöhne meinen, sie müssten zwanzig Karten kaufen und die bei eBay überteuert verkaufen". Dann wurde gewettert, wie scheiße das doch sei und was den Leuten einfiele. Ich meinte daraufhin: "Ich verstehe gar nicht, wo das Problem liegt, wenn der Markt solche Preise hergibt, warum sollte so etwas schlecht sein?". Infolge dessen wurde ich schließlich mit mehr oder weniger schwachen Gegenargumenten belastet ("Die Leute bereichern sich an einer Leistung anderer, ohne selbst etwas zu tun"), welchen ich jeweils Gegenbeispiele entgegenzusetzen wagte ("Hm, also sollen wir jetzt alle Supermärkte schließen?"), woraufhin ich als "elender Kapitalist" beschimpft wurde. Das Gespräch endete darin, dass mir nicht mehr erlaubt wurde, auszusprechen, weswegen ich auch keine Lust mehr hatte, mich auszulachen und beleidigen zu lassen.

    Das nur als Einleitung. Denn damit begann mein Gedankengang: nutzen die Verbraucher heutzutage ihre Macht als Konsument aus? Fehlt es ihnen nicht eigentlich komplett an Prinzipien und sie kaufen was sie wollen und meckern über die Folgen ihres Handelns (natürlich nicht, ohne irgendeinen Dritten zu beschuldigen; "die Wirtschaftsbosse")?
    Ich meine, um mal meine Argumentation des Wacken-Beispiels fortzuführen: Diese "Händler" kaufen zwanzig Karten für 115€. Danach stellen sie sie bei eBay für 250€ Sofort-Kaufen ein. Und nach spätestens einer Woche sind sie die Karten los. Natürlich ist das Abzocke und steht in keiner Relation zu dem eigentlichen Preis, aber wenn die Verbraucher doch bereit sind diesen Preis zu zahlen, wo liegt das Problem? Eine Monopolbildung findet auch nicht statt, da es viele Leute gibt, die solche Dinge tun.
    Ganz besonder toll fand ich die Anmerkung, das Verlangen der Verbraucher nach dem Festival werde ausgenutzt, die Fans würden gezwungen, die Karten zu kaufen. Es kann ja durchaus sein, dass eben diese Karten die letzten verbleibenden auf dem Markt sind, aber dennoch wird niemand gezwungen, die Karten zu kaufen. Die Leute könnten ja einfach sagen: "Mache ich nicht, solche Geschäfte möchte ich nicht unterstützen!".

    Und hier beginnt mein Gedankengang: Ist es nicht so, dass es vielen Menschen heutzutage gar nicht mehr bewusst ist, welche Auswirkung ihr Konsum auf Wirtschaft, Umwelt und Politik haben kann? Viele mogeln sich immer mit dem Argument heraus: "Was bringt es denn, wenn ich damit aufhöre, schließlich kommt dann ein anderer und ich habe gar nix davon?"
    Diese Haltung halte ich für gravierend falsch. Was wäre denn, wenn immer mehr Menschen anfingen, darüber nachzudenken, was ihr Handeln verursachen kann? Was wäre, wenn wir nicht mehr von Verbraucherschutz sprechen müssten, weil die Menschen erkannten: wenn ich hier nicht kaufe und viele andere das auch nicht tun, muss der Konzern auf meine Wünsche eingehen.
    Natürlich ist diese Überlegung stark idealistisch und theoretisch. Aber darum geht es mir gerade: viele haben komplett das Verständnis für ihre Macht im täglichen Konsum verloren und / oder kümmern sich einen Dreck darum. Und dann fangen sie an zu meckern, wie schlimm es doch ist, dass die Menschen in der dritten Welt so leiden müssen, während sie ihren Starbuck's-Kaffee trinken [sic!].
    Ich bin natürlich ebenfalls der Meinung, dass Verbraucherschutz nötig ist, um gefährliche und schlechte Waren vom Markt fernzuhalten. Darüber hinaus muss der Staat (wenn überhaupt der Staat; eigentlich jeder für sich selbst) sich darum kümmern, dem Verbraucher, dem Konsument klar zu machen, welche Macht er besitzt, dass er eben nicht nur ein Zahnrad im Uhrwerk der Wirtschaft ist, sondern der Uhrmacher selbst.

    Was meint ihr dazu? Ich finde dieses Thema sehr interessant und teilweise auch kontrovers (trotzdem ich eine ziemlich klare Stellung dazu habe; siehe oben), deswegen dachte ich, ich lasse euch mal an meinen Gedanken teilhaben. :)
     
  2. cafe001

    cafe001 James Grieve

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    Deine Gedanken finden im Standardwerk über den Kapitalismus dem "Kapital" eine ausführliche Antwort :

    Hier eine Gute Zusammenfassung der relevanten Artikel:

    link

    Auch Staat und seine Lenkungsmöglichkeiten und vor allem seine Interessen werden dort beleuchtet.
     
  3. harden

    harden Roter Eiserapfel

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    Interessante Frage... Lies dir mal die zahlreichen (wie beischeisse ich am besten den)-Zoll Threads durch, dann hast du deine Antwort.
    Mein persönliches Beispiel aus der letzten Woche: Ich bin mit sechs meiner Mitstudenten in einer Bar und weil die Musik bescheiden laut ist zahlen wir nach einer Runde. Ich leg zehn Euro hin und bekomme elf Euro als Wechselgeld. Ich sag also dem Getränkeschergen, dass das so nicht ganz richtig ist, es sei denn er möchte mich für meinen Besuch bezahlen.
    Vor der Tür eröffnen mir meine Mitstudenten, dass ich ein Idiot sei und die Kohle hätte einstecken sollen.
    Na gut, armes Studentenvolk muss Mutters äh sorry... seine Kohle beisammen halten, aber:
    1. Gehe ich dann in eine Bar, wo ein Cocktail > 7 Euro kostet?
    2. Das ganze junge hippe Volk, das in diesen Läden die Getränke spazieren trägt, was sind die wohl nebenberuflich? Gelangweiltes Millionärskind oder armer Student?
     
  4. reframing

    reframing Weißer Winterglockenapfel

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  5. bauklo

    bauklo Finkenwerder Herbstprinz

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    Ähem kang...

    Ich finde es schon etwas bestürzend und auch befremdlich, das das Wort "Moral" in deinen Ausführungen kein einziges Mal vorkommt!:(

    Man kann die Welt nicht auf Marktmechanismen reduzieren!
    Oder wenn man es kann, soll man es wenigstens nicht können wollen!
    Denn wenn es so wäre, könnten wir den Laden "Gesellschaft" auch zu machen, dann wissen wir alle, wo genau es irgendwann enden muss...
     
  6. bauklo

    bauklo Finkenwerder Herbstprinz

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    @reframing

    WOW,
    das ist gut!
     
  7. Kang00

    Kang00 Zwiebelapfel

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    Bauklo, da hast du sicherlich Recht, das Problem ist nur, dass es sehr schwer ist, mit Moral zu argumentieren. Wenn man sagt, "das gehört sich aber nicht!", kommt der andere und meint: "Na und, mir doch scheißegal!"
    Sicherlich spielt die Moral in der Wirtschaft eine viel zu kleine Rolle. Da werden Mitarbeiter entlassen, um möglichst mehr mehr mehr Profit herauszuholen (und ich nenne jetzt absichtlich kein Beispiel, weil auch diese Sachverhalte sehr komplex und nicht "einfach nur unfair" sind) und der Geschäftsführer macht sich einen Scheißdreck draus. Die Frage war für mich viel eher: welche "Schuld" trägt der Konsument für solche Geschehnisse, wenn er die Waren eines Konzerns kauft? Und diese Fragestellung beinhaltet schon eine gewisse Moralvorstellung, beziehungsweise vielmehr die Frage: Was ist aus der Moral des Konsumenten geworden? Vorderrücks meckern und hinterrücks "das System" unterstützen? Das kann es doch nicht sein.
     
  8. Mure77

    Mure77 Moderator
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    Ich sage es mal ganz lapidar:

    Vor zehn Jahren war man noch ein Asi wenn man bei Aldi einkaufen war und heute bist du ein Idiot wenn du es nicht tust.

    Vor 15 Jahren ging es noch darum das Teuerste zu kaufen um im Gespräch zu sein. Heute kann man nur noch mit Schnäppchen "dazu gehören"...........

    Irgendwann wird diese "ich will das Meiste verdienen und das Wenigste ausgeben" auch die letzte Branche erreichen.

    Man kann mal ein Schnäppchen machen keine Frage aber das die Menschen heute schon in ein Geschäft gehen und fragen wo die Angebote stehen ist schon sehr sehr fragwürdig.

    Aber man muss auch sagen das der Handel es auch selber Schuld ist, er hat die Kunden so erzogen.

    Dazu kommt die Selbstgerechtigkeit des "kleinen Mannes". Was interessieren mich die Anderen ? Ich kümmere mich nur um mich und versuche ummer und überall den größtmöglichen Vorteil zu erhaschen. Wer dabei dann auf der Strecke bleibt ist, wie viele hier vorher schon sehr treffend erkannt haben "SCHEIßEGAL !"
     
  9. chndsor

    chndsor Idared

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    Also Kang00 schreibt wenn ich das richtig verstanden hätte das die Verbraucher noch nicht verstanden hätten welche Macht sie haben oder wie sie die Macht erlangen können die Ihnen zustehen.
    Und Mure77 schreibt das die Vrbraucher zuviel Macht haben! Hmm.

    Also dieser Thread hat ja mehrere Themen, ich versuch mich jetzt nur an einem denn man vermischt vielzuschnell alles in einen Topf und dann hat man nicht die Komplexität der Realität rausgenommen sondern eher sogar eine unwirkliche Komplexität geschaffen.

    Ja Kang, die Verbraucher haben leider noch nicht wirklich ihre Position bekommen die Sie eigentlich brauchen, darum gibt es ja den Verbraucherschutz, der viel mehr ist als nur fehlerhafte Produkte zu bekämpfen.
    Markt ist wenn Käufer und Verkäufer zusammentreffen. Ein fairer Markt ist wenn beide die selbe "Macht" haben.
    Dies kann dadurch passieren das es einen Markt mit vielen Käufern und vielen Verkäufern gibt. Jeder Verkäufer und Käufer hat durch seinen Kauf selber keinen großen Einfluss auf den Markt. Was fehlt da noch? Die Transparenz, mann muss die Preise, die Qualität, die Konditionen kennen aller Verkäufer um sich das beste Angebot zu holen. Dann funktioniert der Markt und die Marktmechanismen die du so gut findest.
    Diesen Fall eines funktionierenden Marktes haben wir leider nur auf Börsen und wenigen anderen Beispielen.
    Diese Markttransparenz ist meiner Ansicht nach das wichtigste. Weil durch Marktintransparenz können uns die großen Unternehmen mit ihrer Macht (Geld und Marketing) weiss machen das wir lieber günstig geil aber teuer beim MM kaufen, obwohl dieser doch teurer ist.

    Warum ist das so? Ich kenn ja die Preise vom MM nicht vorher ich fahr hin und dann entweder denke ich aufgrund der Aufmachung die sind billiger oder ich weiss die sind teurer aber ich will das Ding jetzt mitnehmen. Darum kauf ich dann doch bei nem teureren Angebot. OK würdest du jetzt sagen ich will ja diesen Preis bezahlen also ist das doch ein fairer Preis. NEIN, aufgrund der Intransparenz bin ich entweder gezwungen nicht zu kaufen oder teuer zu kaufen. Wenn ich vorher die Infos gehabt hätte wäre ich garnicht hin und hätte meine teuere Zeit nicht vergeudet.
    Warum wohl hat der Staat Frankreich den Tankstelleninhabern die Auflage gemacht ihre Preise auf einer Webseite im Intenret zentral zu veröffentlichen. Somit haben die Verbraucher die Transparenz. Ich muss nicht erst zum Shell und Fegro zu fahren damit ich dann weiss das der Fegro billiger ist. (Klar lohnt es sich nicht mehr durch den Mehrverbrauch von dieser Fahrt die 1 cent pro liter zu sparen, aber 1 cent hier und dort somit haben die großen Unternehmen wieder einen Mehrgewinn der nicht fair ist weil er aufgrund Intransparenz erreicht wurde)

    Ich glaube ich bin jetzt ein bissel lang geworden. Sorry dafür.

    Der Fall mit den Konzertkarten finde ich aber eigentlich nicht in Ordnung. Der Wiederverkauf sollten nur Private machen dürfen und dies nur bedingt über den Preis. Aber eigentlich hast du schon recht, da sollten Marktmechanismen wirken und wenn die Verbraucher bereit sind das zu bezahlen zeigt es das die Konzertveranstalter anscheinend einen falschen Preis gemacht haben. Sie hätten ihn höher anlegen müssen so hätten die die am meisten dafür zahlen wollen diesen Genuss genossen und die anderen halt nicht. So müssen die begrenzten Güter verteilt werden. Andere Verteilungsarten wie wir sie in den kommunistischen Ländern gesehen haben sind gescheitert. TOTAL gescheitert.
    (Hier in diesem Fall ist es nochmal ein wenig anders. Ich bin zwar Verfechter von Marktwirtschaft, aber finde Kulturgüter müssen vom Staat dermaßen gefördert werden das wirklich alle aus allen Schichten diese anfragen können. Denn die Kinder von sozialschwachen müssen auch die Chance haben gute Bücher, Software, Musik zu gebrauchen.)

    Dieser Beitrag ist selbst für diesen einen Themenstrang dieses Threads nicht abschliessend und ich habe sicherlich einiges vergessen.
     
  10. Mure77

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    Die Verbraucher haben die Macht und nutzen sie unbewusst dafür um ihre eigene Position zu schwächen.
     
  11. chndsor

    chndsor Idared

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    Nein ich denke es ist eher so das sie durch Werbung und Marketing-Gags und eigener Dummheit einfach davon abgehalten werden. Ich bin auch nicht deiner Meinung wir müssen mehr wieder teuer kaufen damit es uns allen besser geht. Sondern wir bezahlen schon viel zu viel für sehr viele Dinge. Apple ist ein gutes Beispiel aber das lassen wir bei Seite. Nicht umsonst haben wir eine Steigerung des Preisniveaus von mehr als 2% und deswegen will die EZB nicht die Zinsen senken, da Sie nicht diese große Finanzkrise als größtes Problem ansehen sondern die Inflationsgefahr.

    MM ist doch nicht günstiger im Gegenteil. Das Problem ist doch nur das die Menschen das denken. Warum? Intransparenz und Verblödung der Gesellschaft.
     
  12. Mure77

    Mure77 Moderator
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    Ich denke wir sollten bewusster mit dem Preisdenken umgehen. Man kann ja mal ein Schnäppchen machen aber wenn es Menschen gibt die bei neuen Produkten darauf warten bis diese günstiger werden um diese dann zu kaufen dann frohe Pfingsten.
     

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