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Midlife-Crisis... oder: was tun, wenn alles grau ist?

Dieses Thema im Forum "Café" wurde erstellt von skueper, 22.06.07.

  1. skueper

    skueper Niederhelfenschwiler Beeriapfel

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    Einen gepflegten Abend wünsche ich hier im Café!

    Wie der Thread-Titel schon sagt ist mein Thema heute abend die berühmt-berüchtigte "Midlife-Crisis", vor allem verbreitet beim männlichen Geschlecht mittleren Alters ;)

    Es ist schon komisch... auf einmal wird man sich bewußt, wie "alt" man inzwischen ist. Anscheinend ist die Zeit zwischen Schule und jetzt wie in Zeitraffer abgelaufen. Man hält inne, tritt einen Schritt zurück und blickt auf sich und sein bisheriges Leben. Und merkt, wie "leer" es inzwischen geworden ist. Die Dinge, die einem "früher" Spaß gemacht haben sind unbedeutend und langweilig geworden. Klar, man wird älter, entwickelt sich weiter und ändert oder verfeinert seine Interessen und Geschmack. Aber letztendlich kommt die Frage auf: "Wofür das Ganze? Wo liegt das Ziel, wo der Sinn?" An Fragen wie "Wo komme ich her? Wo gehe ich hin? Warum bin ich hier?" versucht man sich schon gar nicht mehr...

    Klar, ich bin mit meinem Job zufrieden - ich habe mein Auskommen, habe (meistens) Spaß an meinem Beruf und brauche mir auch keine Sorgen um meinen Arbeitsplatz zu machen. Die Gesundheit spielt auch noch mit, also auch da kein Grund zur Klage. Und trotzdem... irgendwie ist das Leben fade und grau geworden. So vieles, was einem einmal wichtig war und etwas "gegeben" hat ist nun bedeutungslos und uninteressant geworden. Früher konnte ich mich 24/7 mit Computern beschäftigen, egal ob Hardware-Basteleien (C64-Ära), Online-Gaming (UT in Ligen, DAoC, SWG) oder programmieren (am liebsten Turbo Pascal - und dann grundsätzlich ohne OOP). Und heute? Gelegentlich mal WoW (in erster Linie als 3D-Chat) und sonst nur die anliegende Arbeit verrichten. Oder Musik: früher hab ich aktiv in einer Rockband gespielt (im Endeffekt hab ich mit den Arsch aufgerissen um die Band, Proberaum, eigene Stücke und ein Demotape zu starten) - heute steht der Baß als Deko im Wohnzimmer und verstaubt.
    Vor ein paar Jahren kam dann das nächste "Männerspielzeug", ein Sportwagen, genauer ein Roadster. Wie geil war es, GoKart-Mäßig durch die Kurvn zu nageln oder auf der Rennstrecke einen Fight mit einem guten Freund zu liefern... heute ertappe ich mich bei dem Gedanken, daß eine Limousine oder SUV meinen Bandscheiben viel besser bekommen würde...

    Ich glaub, ich kann die Liste noch endlos weiterführen... aber ich denke, ihr habt verstanden, auf was ich hinaus will ;)

    Was mich interessiert... wie begegnet ihr diesen Verschleißerscheinungen des Lebens? Ich erwarte natürlich keine Allheil-Lösungen, aber vielleicht ein paar Ideen. Irgendwie ist momentan für mich alles nur noch grau, wie im Thread-Titel bereits erwähnt. Tja, was bleibt mir da? Im alten Trott weitermachen? Mein Leben komplett über den Haufen werfen, alles auf die Müllhalde kippen und irgendwo nochmal von vorne anfangen? Oder einfach ins Zwielicht eintreten und nicht mehr zurück kommen?

    Mich interessieren Eure Gedanken dazu... vor allem die derjenigen, die jenen einschneidenden Punkt im Leben schon selbst erlebt (und hoffentlich) gemeistert haben.
     
  2. TimmyMC2k3

    TimmyMC2k3 Carola

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    Mat. 6,34: <<Deshalb habt keine Angst vor der Zukunft! Es ist doch genug, wenn jeder Tag seine eigenen Lasten hat. Gott wird auch morgen für euch sorgen.>>
     
  3. arc

    arc Leipziger Reinette

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    Keine Ahnung was da los ist bei Dir, ich bin 40 und quietschfidel. Auch ohne Rockband und Roadster.
    Die meisten meiner Bekannten und Freunde haben sich in diesen Phasen Geliebte angeschafft, zumeist deutlich jüngere ... Kann man machen, ist aber meistens nach hinten los gegangen, dann war die Heulerei noch größer ;). Bei zwei, drei Ausnahmen läuft das hingegen noch immer und ganz gut.
    Check halt mal bei irgendwas sinnvollem, altruistischen ein, ai oder B.U.N.D. ... oder so - je nachdem wo Du politisch verortet bist. Oder staub den Bass mal ab, oder denk noch mal über Kinder nach, oder sieh mal nach den Enklen - wenn's welche gibt, oder ... oder ... oder ...

    Um ehrlich zu sein, ich halte die Länge (besser Kürze) des Lebens für ziemlichen Beschiss, nachdem was ich gern noch alles täte und wüsste, müsst' ich mindestens noch 300 Jahre an meine kümmerliche Existenz dranhängen können um irgendwann mal Frieden mit alledem zu machen.

    Wenn alles nicht hilft, stell dir 'ne grasgrüne Bank vor's Haus und sitz da einfach bis Du ablebst ;). Und immer schön freundlich den Nachbarn zuwinken :).

    Aron
     
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  4. harden

    harden Roter Eiserapfel

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    Ich hab nach 10 Jahren Arbeitsleben im letzten Jahr mit einem Studium begonnen. Davon mal abgesehene, dass der eine oder andere Vortragende jünger ist als ich, gibt es immer wieder kleine Erlebnisse, die mich denken lassen: Man bist du alt.
    Das letzte Erlebnis hatte ich gestern: In Informatik redet der DiplIng über einen Prozessor und sagt so im Nebensatz, dass der so um die 30 Jahre alt ist. Ich sag zu meinem Nachbarn, dass der Prozessor in meinem ersten Rechner verbaut war, damals '87. Seine Antwort darauf: "Da war ich noch nicht geboren."
     
  5. landplage

    landplage Admin
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    @skueper
    Aus Deinem Beitrag lese ich heraus: Keine Frau, kein Kind. Oder spielen die in Deinem Leben keine Rolle (mehr)?o_O
    Falls Du doch Familie hast, solltest Du mal Deine Frau fragen, wie sie sich fühlt. Vielleicht ist sie gerade auf dem Sprung, weil Du sie gar nicht mehr wahrnimmst. Ich kenne viele Frauen, die sich in dieser Phase ebenfalls einen Geliebten nehmen, um wieder richtig wach zu werden. Die Ehemänner wundern sich dann meist, weil es ihnen ja "gut geht", Geld, Auto, Urlaub stimmt.

    Natürlich ändern sich Interessen im Laufe des Lebens. Wohin haben sich Deine entwickelt? Mach doch eine Bestandsaufnahme, was Dich jetzt bewegt. Völlig schonungslos und nach oben offen. Keine Einschränkungen "Was wird denn der Nachbar dazu sagen" oder "Das kommt ja nun mal schon gar nicht in Frage". Wenn Du Pullover stricken willst, dann lerne das. Und wenn Du Kickboxer werden willst, such Dir einen Lehrer dafür.

    Jeder kennt das Gefühl "Da muß doch noch was kommen". Es kommt nichts mehr, es sei denn, man will etwas.

    Oder geh den klassischen Weg: Vier Wochen in ein Kloster, ganz allein und zu sich kommen.

    Und nimm Deine Frau mit dazu. Wir Frauen neigen eher dazu, einen Schlußstrich zu ziehen und etwas neues anzufangen. Sonst sitzt Du noch auf dem Sofa und bläst Trübsal, während Deine Frau bereits unterwegs zu neuen Ufern ist.

     
  6. debunix

    debunix Prinzenapfel

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    Probier es einfach mit glücklich sein. So ist das Leben, es verändert sich permanent, nur bringt das Hinterher-Heulen halt nichts. Damals war schön, heute ist es so, wie es ist, besser.
    Ich möchte nicht noch einmal besoffen auf Parkbänken sitzen und im Bierzelt prollig rumgrölen;)
    War mal schön, ist aber auch irgendwann gut. Erinnerung ja, Trauer nein. Ich hatte auch so eine tolle Knallbüchse zum Fahren, war witzig, heute bin ich froh, dass mein Auto Stoßdämpfer und Federn hat, fährt sich irgendwie doch bequemer und erspart den Gang zum Orthopäden.
    Einfach akzeptieren, wie es ist, irgendwie macht dann doch immer alles Sinn und es läuft viel leichter, wenn man sich nicht wegen allem einen Kopf macht und es ab und an mit einem Lächeln nimmt.
    So nach dem Motto "Shit happens". Und auf Regen folgt auch immer Sonnenschein (der wird im virtuellen Phrasenschwein jetzt richtig teuer!).
    Also, mach' dich locker, geh' heute in die Disco, zeig' jeder 18-jährigen Henne deine 5 Kreditkarten, leg' den Mercedes-Schlüssel schön auf die Theke und lade alles ein, was weniger als 60 Kilo hat und nicht über 20 ist (ist gerade Abi-Zeit, die feiern alle wie bescheuert, täglich!!!).
    Solltest du den Tipp beherzigen, dann ist dir allerdings nicht mehr zu helfen:p
     
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  7. stk

    stk Grünapfel

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    Moin,

    wer sein Leben spüren will, muß es "riskieren"*. Geh Fallschirmspringen, Bungeejumpen, Motocrossfahren oder so was in der Tat. Danach bist ist die Birne rot und nicht mehr grau und Du bist so mit Adrenalin voll, das Du Dich wie's Rumpelstilzchen in der Mitte auseinander reissen könntest. Regelmässig wiederholen, wenn die Wirkung nachläßt.

    Gruß Stefan

    *Bitte nur einigermassen kalkulierbare Risiken!
     
  8. Ulli

    Ulli Ontario

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    Falls Du keine Kinder hast, schaff Dir welche an. Dann verflüchtigen sich Deine geschilderten Probleme ganz schnell bzw. Du hast einfach keine Zeit mehr Dich selbst zu bedauern o.ä.
     
  9. bauklo

    bauklo Finkenwerder Herbstprinz

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    etwas verändern im leben hilft.o_O
    die meisten denken dabei an einen neuen partner, aber nach allem was ich so beobachte funktioniert das meistens nur sehr kurz, danach stürzen die betroffen meist in ein noch tieferes loch.

    ich glaube es ist in erster linie ein problem der selbstdisziplin:
    reiss dich selbst am riemen und sorg dafür, dass nicht jeder tag, jede woche, jeder monat und jedes jahr immer gleich verläuft.

    hier ein paar ideen:
    tritt vereinen bei, einer partei, den freimaurern, einem automobilclub.
    schaff dir nen garten an, setz dich abends mit ner flasche wein hin und entspann.
    besorg dir ein cabrio und mach damit den täglichen weg von der arbeit nach hause zu einem entspannenden erlebnis.
    geh sporteln, kümmer dich um deine kinder, geh mit denen in museen, mit deiner frau ins theater.
    geh jeden sonntag ins grüne wandern und helf deinen kindern in bächen dank deiner erfahrung stabile und hohe staudämme zu bauen.
    fahr in urlaub mit dem auto und kuck dir deutschland an:
    all die schönen orte, tolles essen, burgen, wein, bier, geschichtsträchtige orte.
    geh in den alpen wandern, kuck dir noch mal die gletscher in der schweiz an bevor sie abgeschmolzen sind.
    fahr nach schottland und lass dich von den mücken quälen, mach radtouren in der hitze bis du umfällst, geh kajak-paddeln und dabei kentern, so dass du dich übel erkältest und werd anschliessend wieder gesund.
    lern kochen und besuch die volkshochschule, lass dir beibringen wie du deine frau massierst.
    geh jeden morgen um 6 im nächstgelegenen see schwimmen, geh früher ins bett, steh früher auf und hör dir im garten die vögel an während du deinen kaffee trinkst!
    mir fällt so unendlich viel ein...

    das problem ist nur:
    wenn man dir das alles erst sagen muss, ist die wahrscheinlichkeit, dass du es auch machst, leider sehr, sehr gering!
    denn eigentlich weisst du das doch alles selber, oder?:mad:

    also: reiss dich am riemen!, denn helfen können WIR dir nicht!
     
  10. landplage

    landplage Admin
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    Volle Zustimmung :-*:-*:-*
     
  11. Mbblack

    Mbblack Reinette de Champagne

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    Also wenn ich diese Ideen höre, freue ich mich ja glatt aufs alt werden. :). So stelle ich mir ein schönes Leben vor. Wenn man dann Zeit und Geld hat diese Ideen zu verwirklichen, wäre ich wunschlos glücklich!
    mfg mbblack
     
  12. cws

    cws Pommerscher Krummstiel

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    Nun ja, ich denke so einfach ist das nicht mit dem Aufbruch.
    Klar kann man das machen und es bringt auch Erfolge, aber es ändert nichts am Problem. Auch mit dem Fallschirmspringen, dem Bungeejumping und dem Freeclimbing geht es eines Tages nicht mehr so leicht von der Hand.

    Irgentwann kommt der Moment in de man merkt, dass der Rest kürzer ist als die Stecke vorne. Es kommt der Moment, in da man merkt, dass die Sache nicht einfach immer so weitergeht. Es kommt der Moment, in dem man darüber nachdenkt wie das werden soll. Das ist dann auch der Moment, in dem Kinder oft keine realistische Option mehr sind.

    Es kommt der Moment in dem man sieht wie andere sterben, wo sich dieser Aspekt ins Bild schiebt. Dann stellt sich schnell die Sinnfrage, aber es stellt sich auch die Frage was wird werden. Nicht wenn man erkrankt und stirbt, das ist der gnädige Weg. Was passiert, wenn man seine Würde verliert durch Verfall und Demenz, aber nicht stirbt. Man stirbt heute eben nicht mehr. Woran auch, wir haben eine prima Medizin, uns werden bald die Gründe ausgehen, fürs Sterben.

    Wer hat schon mal jemanden sterben sehen? Wer hat einen Toten gesehen? Wer empfindet den Tod als normal? Auch den eigenen? Der Tod findet nicht mehr statt?

    Genügt das? Oder braucht ihr noch ein paar Tipps zum Thema "Wie mache ich meine Midlife-Crisis?" :p
     
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  13. Macgyver

    Macgyver Oberösterreichischer Brünerling

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    ich habe mir eine liste gemacht obwohl ich noch weit weg bin von den midlife crisis. Die liste wo ich sachen noch nicht gemacht habe und ich unbedingt noch in diesem leben machen muss.
    Beispiel:

    1. Fallschirmspringen
    2. Einen Grossen Berg erzwingen (irgendwo in Tibet)
    3. Steve Jobs persönlich treffen
    4. Fast jedes land der welt besuchen

    Diese Ziele lenken mich gut davon ab an mein alter und an meine zukunft zu denken. Weil ich hasse es zu wissen das ich nicht mehr lange hier sein werde. Wenn ich mir solche Zeile setzte arbeite dafür das ich sie erreiche.
     
  14. Irreversibel

    Irreversibel Akerö

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    Hmm. Ich habe auch laufend solche Phasen in denen mich fast nichts glücklich machen konnte. Ich war auch sehr aktiv mit Bands, Sport, Theater, Schreiben, Arbeit, Studium usw.

    Wenn ich wieder so eine Phase hatte konnte man das förmlich an dem was ich tat ablesen. Teilweise wurde ich so depressiv dass sich Freundin, Freunde, Verwandte usw. große Sorgen gemacht haben. Das hatte überhaupt nichts mit Einsamkeit, fehlender Zuneigung oder solchen Dingen zu tun, die einem als erstes in den Sinn kommen. Es hat mir an nichts gemangelt. Diese Frage "warum das eigentlich alles" habe ich mir auch schon sehr oft gestellt.

    Je älter man wird, desto abgebrühter, ausgekochter wird man. Leider. Ich dachte, dass vielleicht irgendwann nichts mehr von mir übrig bleibt, wenn das so weiter geht. Dinge die mich früher begeistert hatten konnten mir nur noch ein müdes Lächeln entlocken. Welche neue Band? Kenn ich schon, gab's schonmal und damals war's besser gemacht. Das ist nur ein kleines Beispiel für die vielen kleine Dinge, die alle festgefahren waren. Es waren sehr schöne Dinge, aber sie haben sich nicht mehr bewegt. Das Leben war wie ein Tunnel und diesen Tunnel konnte ich mit keinem teilen. Ein Tunnel der immer enger wird und an dessen Ende es kein Licht gibt. Man denkt sich, dass die Alten wissen wie es am Ende aussieht: Ein kleines Leben, kleine Ersparnisse, eine kleine Wohnung und am Ende ein kleines Grab.

    Und dass es zu nichts gut ist. Zu gar nichts. Darüber schreibt man, darüber singt und dichtet man und irgendwann glaubt man es.

    Neulich trat eine Bekannte wieder in mein Leben. Ich schreibe nicht "Freundin" weil wir nicht als Freunde auseinandergegangen sind - an ihr lag's aber nicht. Es gab eine Kleinigkeit zwischen uns die ich sehr aufgebauscht habe - ich war wieder in einer dieser depressiven Phasen und sie war sozusagen das grauste Grau in meinem grauen Grau. Dabei waren wir so gute Freunde. Aber ich brauchte irgendeinen Sündenbock, irgendjemand, der Schuld war an dem, was eigentlich selbstverschuldet war. Ich habe immer gedacht ich würde mich irgendwann noch einmal mit ihr aussöhnen weil ich sie auch eigentlich wirklich gerne hatte. Wir würden uns vielleicht irgendwann mal zufällig wieder treffen und dann würde ich ihr sagen dass ich einfach ein Trottel war. Sie würde das verstehen und darüber lachen, ich kannte sie sehr gut. Irgendwann, irgendwo, nur nicht heute und nicht hier. Das Ganze hat sich durch ihren Tod ins Unmögliche verschoben. Auf ihrer Beerdigung spulten die Wolken über den Himmel und ich dachte mir "Sie hat schon immer dramatische Auftritte geliebt.". Sie war einer der wenigen Menschen die einen Raum nur durch ihr Erscheinen in Beschlag nehmen konnten, jeder drehte sich nach ihr um. Sie hatte viel Einsicht, viel Mitgefühl, verstand Kunst, Musik, gute Unterhaltungen; und für die, die ohne Antennen für sowas durch's Leben müssen war auch noch genug zum Gaffen da. Ich kann immer noch nicht glauben dass sie einfach nur unglücklich gestürzt ist.

    Hätte ich ein bisschen an mir selbst gearbeitet, die Baustellen die sich in mir selbst befinden wahrgenommen, vielleicht wäre sie nicht in dem Bewusstsein gestorben, dass ich sie verachte. Nichts steht still, alles ist ständig in Bewegung. Man selbst bewegt sich ständig, man verändert sich. Man kann Dinge besser machen, anstatt sie nochmal zu machen. Man kann die Zeit als Freund sehen, nicht als Gegner der einem alles wegnimmt. Es gibt ein sehr schönes Zitat das mir hierauf einfällt: Das ist nicht die Sonne die untergeht sondern die Erde die sich dreht.

    Es ist dir vielleicht keine große Hilfe wenn ich dir sage dass ich erst 26 bin. Ich habe von Midlife-Crisis nicht die geringste Ahnung, jedenfalls hoffe ich, über 50 zu werden. Für einen 26jährigen mag es vermessen klingen, davon zu reden "abgebrüht" zu sein, das ist es auch. Ich habe eine Zeit lang viel zu extrem gelebt, Burnout, Depressionen, dazu macht der Körper auch nicht mehr mit. Mit dem Skateboard ein Kickflip auf eine Geländerstange? Ne, bevor ich mir was breche lieber nicht. Zudem neige ich auch ein wenig dazu meine Lage wie eine Eisscholle im Golfstom zu beurteilen. Aber alles gesehen und getan habe ich beileibe nicht, ich bin doch noch nichtmal trocken hinter den Ohren. Irgendwann hat man aber keinen Bock mehr, immer weiter zu machen. Dennoch muss man sich aufraffen, nicht "ein letztes Mal" und nicht um "die Dinge zu erledigen die noch zu erledigen sind". Sondern weil das der Sinn sein kann. Die Sonne nochmal aufgehen zu sehen, Menschen zu zeigen wie wichtig sie einem sind (selbst wenn es sie vollkommen überrascht), Dinge die hier schon oft stehen. Mal die Uhr zurückdrehen und sehen, dass es einem zwar schwerer fällt, Neues zu lernen, aber dass es doch noch möglich ist. Mal von seinem bequemen Standpunkt herunterkommen und sehen, dass einem alle möglichen Leute noch was beibringen können.

    Ich denke solche Krisen macht jeder mal mit. Natürlich ist mit 40 statistisch gesehen das halbe Leben vorbei, aber es könnte auch jetzt gleich vorbei sein. In dieser Minute könnte mir der Keks den ich esse im Hals stecken bleiben und Leute würden sich Vorwürfe machen dass sie meine Schulden nicht schon früher eingetrieben haben. Sterben ist ein bisschen wie Abschied, meist kommt es auch noch ungelegen, es ist ein Scheiss-Spiel. Je länger man daran herumrechnet desto mehr vergisst man: Es ist noch so immens viel Zeit übrig.
     
  15. Hallo

    Hallo Gast

    Kinder sind ganz sicher keine Lösung eine depressive Haltung/Persönlichkeitsentwicklung auszugleichen.

    Vor allem kommen die Probleme dann wieder wenn die Kinder aus dem Haus gehen.

    Es geht bei dem Älter werden darum, die zunehmende Normalität der Dinge und das Alleinsein auszuhalten und mit der eigenen Person zurecht zu kommen.
     
  16. cws

    cws Pommerscher Krummstiel

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    Nein

    Im Gegenteil, man sollte einfühlsamer, verständnisvoller, milder, ruhiger, klüger werden.
     
  17. landplage

    landplage Admin
    AT Administration

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    Volle Zustimmung!
    Mit zunehmendem Alter merkt man, daß viele Dinge eben nicht so selbstverständlich und normal sind, wie sie in der Jugend scheinen. Man fängt an, viel mehr in Frage zu stellen, man kennt mehr Alternativen und entscheidet sich dann bewußter.
     
  18. Ulli

    Ulli Ontario

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    Wäre es nicht auch möglich, dass es keine Krise ist, sondern eine ziemlich große Portion Selbstmitleid????

    Auch wenn ich gleich geprügelt werde, eine sogenannte "Midlife Crisis" habe ich bis jetzt (allerdings nur bei anderen) immer eher als überschätztes Selbstmitleid der jeweiligen Person wahrgenommen. Meist war es nur die Trauer über verpasste oder nicht genutzte Chancen.
     
  19. debunix

    debunix Prinzenapfel

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    Lieber irreversibel, dein Beitrag ist wunderbar! Wenn ich könnte, dann würde ich dir meine komplette Karmakanone schenken, geht nur leider nicht.
    Ich gehöre wohl auch zu denen, die mit dem Alter und auch durch das Studium und den Dingen, die man hier mitbekommt, abgebrühter wurden. ABER, durch die Erfahrung, v.a. im zwischenmenschlichen Bereich möchte ich nicht einen Tag missen, auch wenn es wirklich richtig schlechte Zeiten gab.
    Auch ich hatte schon Phasen, in denen ich weder vor, noch zurück wusste und alles, aber auch wirklich alles scheiße war. Meistens sind das Phasen, in denen ein paar verrückte Dinge zusammentreffen und man nichts mehr denken kann und sich dann irgendwie doch im Selbstmitleid verfängt.
    Ich bin mittlerweile und glücklicherweise in der Lage, selbst den größten Rückschlag ohne Jammern hinzunehmen, auch wenn es wehtut - und das darf es, aber es geht weiter, immer!!!
    Ich freue mich über die Sonne - auch wenn es heiß ist. Ich freu mich auch über Regen - ist toll, v.a. wenn man beim Fußball so schön über den Rasen schliddern kann;)
    Ich schaffe es mittlerweile, mich ganz alleine an den Bodensee zu setzen und den Vögeln bei ihrer Himmelschoreografie zuzusehen, wenn sie im Schwarm unterwegs sind.
    Die Welt und das Leben haben jeden Tag neue und spannende Geschichten auf Lager, wenn man die Augen aufmacht!
    Und das Leben wird noch schöner, wenn man einfach zu jedem freundlich ist und ihn nett grüßt, anlächelt und einfach normal ist! Auch ich lag schon am Boden und habe die Sinnfrage gestellt, wie wahrscheinlich fast jeder, die Antwort wird dir allerdings keiner verraten - ich hoffe ich kann sie mir selber noch vor dem Ableben geben...
    Na ja, selbst wenn nicht, es wird nicht die einzige unbeantwortete und ungelöste Frage bleiben, von daher: Mund abputzen und weiter geht's!
    Mit einer gewissen Lässigkeit lässt sich sehr vieles besser ertragen, das ist halt so, auch wenn ich noch nicht zu denen gehöre, die es wirklich gut können, aber ich bin auf einem guten Weg!
    Ich stand früher ständig unter Vollgas, die Quittung gab's körperlich dann mit 15 und der ersten OP am Sprunggelenk. Weiter ging es mit diversen Verletzungen, die einfach auf Grund übermäßigem Ehrgeizes und zu viel Sport kamen und mit einem zweifachen Kreuzbandriss während des Sportabis ihren Höhepunkt fanden.
    So endete dann auch die mögliche Karriere als Torwart, schade drum, wenigstens hatte ich mehr als Fußball & kann somit auch andere Dinge voller Tatendrang angehen.
    Die sechs Monate danach waren allerdings sehr schwer und ich hatte wirklich viel Zeit nachzudenken (auf dem Rennrad - erst im Reha-Zentrum, dann auf Landstraßen).
    Ab da ging bei mir so langsam ein Lichtlein an und ich habe gemerkt, dass man sich irgendwann auch einmal ein bisschen Ruhe gönnen muss, es geht einfach nicht anders!
    Mittlerweile bin ich mit mir im Reinen, liebe das Leben und ganz arg meine Katze:-D
     
  20. Hallo

    Hallo Gast

    Selbst wenn Du es Selbstmitleid nennst. Was ändert es? Wichtig wäre doch in dem Fall zu fragen, woher kommt das Selbstmitleid, was steckt dahinter und wie bekommt man es gelöst.

    Genau.

    Aber die Möglichkeiten des Lebens bekommen auch mehr Normalität.
     
    #20 Hallo, 22.06.07
    Zuletzt von einem Moderator bearbeitet: 11.07.07

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